September 10

Spannendes aus Tonga

Während unseren zahlreichen Erkundungstouren durch die Natur und kleine Siedlungen, erfahren wir in Gesprächen mit den sehr offenen Menschen so einiges Spannendes und auch Dinge die uns fremd sind und uns irriteren.

Bevor wir die kleine Siedlung erreichen, schlinge ich ein Tuch um meine Hüften das bis über meine Knie reicht. Frauen mit kurzen Hosen und ohne bedeckte Schultern, das geht gar nicht. Am Landesteg sitzen einige Frauen mit ihren kleinen Kindern. Wir begrüssen sie und fragen ob es in Ordnung ist, in ihrer Siedlung zu spazieren. Aber erst mal setzen wir uns auch auf die Hafenmauer und plaudern mit ihnen. Fahinas T-Shirt trägt die Aufschrift “Domestic violence is a crime” (häusliche Gewalt ist ein Verbrechen). Meine Fragen über ihre Lebensweise hier im Dorf, beantwortet sie kurz und prägnant folgender massen:

“wir leben hier noch immer wie vor hundert Jahren, mit dem Unterschied, dass die meisten Häuser eine Toilette mit Spülung haben”.

Na ja, diese Aussage scheint mir nun doch etwas übertrieben. Vor hundert Jahren gab es hier jedenfalls noch keine Autos oder Landmaschinen und auch keinen Strom und schon gar kein Internet.

Das Gesprächsthema  landet schnell mal beim Glauben. Ob wir eine Bibel an Board haben und welches denn unser Lieblingsparagraph ist? Oder wie werden die Dinger in der Bibel schon wieder genannt? Können wir als Atheisten natürlich überhaupt nicht beantworten. Nun sind die Frauen sichtlich irritiert. Sie besuchen die Kirche jeden Morgen um 5 Uhr! Mit etwas würgen, schaffe ich es das Gespräch aufs Thema Kochen umzuschwenken.

Religion scheint in ihrem Leben einen enorm hohen Stellenwert einzunehmen. In jeder kleinen Siedlung sind  immer mehrere Kirchengemeinden vertreten. Die schnellst wachsende Kirche der 16 offiziellen Religionen in Tonga sind die Mormonen. Gefolgt von der  Free Wesleyan Church, Katholiken und Free Church of Tonga. Die Kirche hat hier auch grossen Einfluss auf die Politik. Die Mormonen sammeln von ihren Jüngern Unmengen an Geld, welches in Kirchenbau und gut ausgerüstete Schulen investiert wird. So mancher Bürger hat auch schon einen Kredit aufgenommen um mit wohlhabenden Spendern mithalten zu können. Viele Familien treten der Mormonen bei, bevor ihre Kinder das Schulalter erreichen. Dabei hat Tonga ein sehr gutes kostenloses Bildungssystem, das sogar Studien im Ausland mit Stipendien unterstützt.

Von der jungen Rachel kaufen wir Gemüse. Sie wird demnächst nach Kalifornien reisen. Die Mormonenkirche finanziert die Reise und den Aufenthalt von 18 Monaten, den sich die Familie sonst niemals leisten könnte. Sie wird dort in einem Mormonenzentrum leben. Was Rachels Aufgabe im Ausland sein wird, ist genau das was ich an so manchen Sonntagen in der Schweiz erlebt habe: Gerade mal knapp nach Sonnenaufgang polterte es an meiner Wohnungstür. Ich träume wohl. Aber nein! Ich bin so blöd und öffnete im Halbschlaf die Tür da mein Hund nicht aufhört zu kläffen. In Anzug und Kostüm, schwarz-weiss gekleidet, wollen zwei junge Leute mir das Buch Mormon persönlich näher bringen. Ich bekunde mehr oder weniger freundlich mein Desinteresse. Nächsten Sonntag wieder der selbe Terror und die nächsten Sonntage auch. Nicht mal die Drohung mit der Polizei hat geholfen. Erst als Bello vor der Haustüre pennt, kehrt die sonntägliche Ruhe wieder ein.

Ist ja schon krass was die Missionare aus Europa und den USA in der Südsee und in manchen anderen Länder der Welt bewirkt haben.

Was ich noch so alles im Netz und aus den Reiseführern über Tonga gefunden habe ist wirklich spannend. Dazu eine kurze Zusammenfassung was mich beeindruckt hat:

Die Männer stehen über den Frauen. Doch in der Familie sind Schwestern angesehener als Brüder. Den grössten Respekt gehört den alten Menschen. Der jüngste Sohn hilft in der Landwirtschaft mit. Das Land auf dem die Menschen Leben und bewirtschaften, gehört entweder der Königsfamilie oder dem Staat. Der Königsfamilie wird als Gegenleistung bei Beerdigungen oder Hochzeiten Gemüse geschenkt. Diejenigen die auf Staatsboden leben, bezahlen Steuern. Land kann in Tonga nicht verkauft werden. Nur verschenken ist möglich. Dafür wird aber ein Gegengeschenk erwartet, das auch in Form von Geld entrichtet werden kann. In Tonga wird fast alles geteilt. Vor allem die Ernte.”Mein und Dein” scheint hier nicht zu existieren. Wer etwas braucht leiht es sich. Wenn es wieder gebraucht wird, muss es halt wieder zurück geliehen werden.

Immerhin haben die Missionaren den Kanibalismus abgeschafft. Vor rund 100 Jahren landete der letzte Eindringling Tongas in einem „Umu“ (Traditionelles Gericht das im Erdofen zubereitet wird). Kannibalismus wurde nicht um den Proteinmangel auszugleichen betrieben. Vielmehr galt diese Tradition als Machtdemonstration gegenüber Angreifer und Feinde.

Tonga ist ein spannendes Land. Gerne würden wir hier mehr Zeit verbringen und die Kultur näher kennen lernen. Doch die Zeit drängt und wir müssen weiter ziehen.


Copyright © 2014. All rights reserved.

Posted 10.09.2017 by robusta in category Tonga

Leave a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*