April 20

Hakaui (Nukuhiva)

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Endlich scheint Wind aufzukommen! Für die nächsten fünf Tage 10 bis 15 Knoten aus Ost. Der Passat meldet sich zurück.

Morgens um sechs Uhr sollen die Segel gesetzt werden. Es wird dann aber doch sieben. In Hakaui wollen wir das gute Quellwasser tanken. In den Atollen der Tuamotus wird es nur noch Wasser aus Zysternen in begrenzter Menge geben. Regenwasser sammeln wird da wohl auch eher seltener möglich.

Über der wunderschönen Bucht von Hakaui liegt jedoch sprichwörtlich eine fette dunkle Wolke. Einerseits ist da der Paul über den eine Menge übler Stories kursieren. So haben wir uns mal präventiv bei der Gendarmerie über die rechtliche Lage erkundigt. Der von oben bis unten mit Tattoos geschmückte langhaarige Beamte verrührt die Hände! Ohje, ja wir stellen gerade ein fettes Dossier über meinen Cousin zusammen. Viele Segler haben sich beschwert. Demnächst werden wir Paul einen Besuch abstatten. Doch der Weg über die Berge ist beschwerlich und ein Boot haben wir nicht. Dann war da noch so ein Vorfall. Vor sechs Jahren wurde der Mann eines Deutschen Seglerpaares  während der Ziegenjagd aufgefressen. So in etwa lauteten damals die Schlagzeilen in den Deutschen Zeitungen.

Nein, der Paul frisst keine Touristen. Seine Aufgabe ist es für eine Kooperative umgerechnet acht Euro von jedem der an Land geht einzukassieren.

In der Bucht ankern zur Zeit zwei Yachten. Hohe spitze kegelförmige grün überwucherte Berge ragen aus dem Meer. Zwei Sandstrände, Palmen und ein gigantischer Wasserfall. Ein echtes Paradies, wären da nicht die Moskitos und Nonos!

Beim ersten Schuppen, links am Ufer des kleinen Flusslaufes, landen wir an und finden tatsächlich einen Schlauch aus dem frisches kaltes Quellwasser sprudelt. Paul scheint nicht da zu sein. Am Strand sitzt ein Fischer. Den fragen wir ob wir Wasser haben können. So füllen wir die sechs Kanister und die erste Ladung wird zur Robusta gebracht. Ich will nicht alleine dort warten. Bei der vierten und letzten Fahrt taucht plötzlich Paul aus dem Nichts auf. Mir gefriert das Blut – seines scheint aber überhaupt noch nicht zu kochen. Er freut sich sichtlich über die Marquesische Begrüssung: “Kao’ha Nui“. Paul, der in Gummistiefel, langer Hose und dicker Jacke gekleidet ist, scheint Hitzeresistent zu sein. Heute ist er wohl mit dem rechten Fuss aus dem Nest geklettert. Er plaudert freundlich. Erzählt wie er hier lebt, dass er einige Jahre weg war und im Tourismus als Barkeeper gearbeitet habe. Als sein Opa gestorben ist, kehrte er in seine  Heimat zurück. Während er sein Erbe renovierte, habe er 50 Kilo abgenommen! Also muss Paul ein echter Schrank gewesen sein.

Im letzten Herbst hat die Kooperative beschlossen, für den Unterhalt und Pflege des Trampelpfades zum Wasserfall von den Touristen Geld einzukassieren. Der Eintritt ist ein Jahr gültig. Er bekomme von dem Geld nichts. Dies werde für die Anschaffung von Motorsägen, Benzin und deren Wartung aufgewendet. Er erzählt auch etwas traurig, dass er sich schon oft mit Touristen gestritten habe ohne genau auf die Details einzugehen. Sie hätten sich geweigert zu bezahlen.

Wir bekommen fünfzig Prozent Rabatt und Früchte aus seinem Garten.

April 15

Mantas

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Seit wir in Polynesien sind, wache ich oft sehr früh auf. Mal ganz was neues. Thomas entwickelt sich dagegen zum echten Langpenner! Es ist bereits hell, aber die Sonne ist noch nicht hinter den von Wolken behangenen üppig grünen Bergkämmen aufgetaucht. Was hat mich eigentlich aus dem Tiefschlaf gerissen? Da war doch ein Geräusch durch die Bordwand wahrzunehmen. Mein Blick schweift über das golden glitzernde nur leicht bewegte Wasser der Bucht. Etwa dreissig schwarze dreieckige Finnen durchschneiden die glatte Wasseroberfläche. Haie! Ich wecke sofort Thomas damit er ebenfalls an diesem Schauspiel teilnehmen kann. Nun sind sie direkt neben der Robusta. Das sind keine Haie. Es sind Mantas! Jetzt aber schnell Taucherbrille, Schnorchel und Flossen an. Ich lasse erst mal Thomas ins Wasser springen, um zu sehen ob er die Aktion überlebt.

Am Nachmittag brausen wir mit dem Dinghi weiter zu den Felsen raus, um in klarem Wasser nach den Mantas zu suchen. In der Bucht ist das Wasser vom Regen ganz braun. Doch sie scheinen eine Siesta zu halten. Liegen faul auf dem Grund und ruhen sich von der morgendlichen Jagd aus. Der Mensch steht nicht auf ihrem Speiseplan. Mantas sind die grössten Rochen und erreichen locker eine Spannweite von fünf Meter. Auch sind ihre Stachelschwänze nicht giftig.

Wir haben nochmals Glück. Kurz vor der Dämmerung tauchen sie direkt vor dem Dinghi auf. Also nochmals rein ins kühle Nass. Elegant mit gemächlichen Bewegungen tauchen sie wenige Zentimeter unter uns durch, strömen mit grossen offenen Mündern direkt auf die Taucherbrille zu um im letzten Moment sich auf den Rücken drehend, den weissen Bauch zeigend abzudrehen, was ehrlich gesagt anfangs schon etwas gfürchig war. Die ganzen Moskitostiche waren da im Nu vergessen!

Ich hätte Stunden mit ihnen schwimmen können, wären da nicht auch noch die ganzen Quallen im Wasser rumgetrieben.

 

March 24

Nuku-Hiva Taipivai

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Sie sind so unvorstellbar fleissig wie kein anderes Volk. Pausenlos an der Arbeit. Die Morgenschicht beginnt mit dem Sonnenaufgang wenn die Nachtschicht der anderen endet. Die blutrünstigen Biester nerven. Sie scheinen überall zu sein. In der Sonne, im Schatten, in den Häusern, am Strand. Nur auf der Robusta sind sie zum grossen Glück nicht! Eine tolle Wanderung von Taipivai zu einem Wasserfall, der tosend über mehrere hundert Meter stiebend eine Felswand herunterstürzt, lässt uns danach mehrere Tage leiden. Die Mücken haben sich an unserem Blut ergötzt! Trotz langer Hose, diese auch noch mit „Antibrumm forte“ eingesprüht (nur schon der Name ist doch ein Witz)?! Teure Produkte aus Europa gegen Moskitos mit dem Vermerk “Tropical forte” oder so ähnlich, kannst du gerade so gut ins Scheisshaus leeren. Hilft gar nix! Die restliche Körperoberfläche mit dem lokalen Produkt „MonoiTiki Tahiti Citronelle“ einbalsamiert, hat immerhin die Nonos (Sandfliegen) auf der oeligen Haut ersticken lassen. Die Moskitos liessen sich jedoch nicht im geringsten von ihren Attacken abhalten. Auf meinen Hintern haben sie es speziell abgesehen. Weiss nicht mehr wie sitzen.

Eine Krankenschwester erklärt uns, dass wir Neuankömmlinge besonders attraktiv für die Biester sind. Nach sechs Monaten Ernährung mit den lokal typischen Lebensmitteln, werden die Monster uns in Ruhe lassen. Bravo, das sind ja tolle Aussichten. Die Situation ist bestimmt auch noch verschärft da der Wind seit Wochen ausbleibt und es oft in Strömen regnet.

In der Bucht liegen zwei Yachten vor Anker. Es ist zu heiss um einander zu besuchen. So treffen wir uns alle in Simons kleinem Laden zu einem Bier. Dort sind wir einigermassen vor den Moskitos sicher. Mit Simons Familie verbringen wir etliche Stunden und erfahren von ihnen sehr viel über das Leben und Kultur der Menschenfresser.

Ein sehr empfehlenswertes Buch dazu: Abenteuer in der Südsee, Taipi von Hermann Melville. (Version mit 628 Seiten).

 

March 16

Marquesas – Tahuata

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Die Regenzeit hat viel früher als üblich begonnen. Dafür blüht schon alles! Die letzten Tage hat es in Atuona Unmengen geregnet. Luken zu! Es regnet! Dann entwickelt sich in der Robusta innert Kürze eine dampfende Hitze, die echt schweisstreibend sein kann und kaum auszuhalten ist. Nachts hechten wir mehrmals aus den Kojen, um alle Bullaugen und Luken zu schliessen. Irgendwie muss etwas gebastelt werden, damit diese auch bei ergiebigen Regenschauern offen bleiben können. Aus einem alten Segel wird eine Abdeckung über die Luken montiert, die gleichzeitig frische Luft in die Kabine führen soll. Die arme Nähmaschine freut sich gar nicht den dicken Stoff zu bearbeiten.

Endlich kommt wieder mal Wind auf! Die Hitze legt sich etwas und die Segel werden nach zwei Wochen Ruhepause wieder mal gesetzt. Robusta stampft im Kanal Bordelais mit rund zwei Knoten Strom und mit Wind aus Ost gegen West. Die Wellen im Kanal sind beachtlich, doch harmlos gegen das was wir im Südatlantik und Südpazifik angetroffen haben.
Nachmittags fällt der Anker in der Bucht nördlich von Hapatoni. Üppig grün bewachsene, steil abfallende Bergkämme umgeben die Bucht. Vogelgezwitscher statt Gockelgeschrei dringt in meine Ohren!
Die Kette lege ich vom Land weg. Doch das war falsch stellt sich bald heraus. Laut Reiseführer bläst der Wind in der Bucht immer zum Land. Hier soll es toll zum Schnorcheln sein. Doch das Wasser ist durch die ungewöhnlich heftigen Regenfälle nicht ganz so klar wie erwartet. Da kommt im besagten Südseeparadies doch etwas Enttäuschung auf. Von der Karibik kenne ich die Unterwasserwelt als sehr bunt und habe hier eine viel grössere Artenvielfalt erwartet.
Joshua der junge Kanadier paddelt vom Dorf kommend zur Robusta. Ihn haben wir in Atuona kennen gelernt. Er ist verletzt. Wollte einen Pulpo fangen. Doch er hat sich mit seinen acht Beinen an seinem Arm festgesaugt und sich auch noch mit beissen heftig gewehrt. Den Pulpo habe er im Dorf verschenkt. Die Lust ihn selber zu essen, ist ihm vergangen.
Im Dorf werde drei Tage gefeiert. Das wollen wir uns nicht entgehen lassen. Dass es sich um einen religiösen Anlass handelt, wusste Joshua nicht.
Etwa eine Stunde gucken wir uns, die doch etwas sehr langweilige Kirchenzeremonie mit den schönen Gesängen an. Dann schleichen wir uns davon.
Am nächsten Tag frage ich eine typisch füllige ältere Polynesierin, wo ich Früchte sammeln dürfe. Thomas und ich sind beide froh, dass wir recht gut Französisch sprechen. Etwas eingerostet, aber durch fleissiges Bücherlesen kommt der Wortschatz schnell wieder in Erinnerung. Teliua führt uns zu ihrem Haus in dem sie aufgewachsen ist. Einige Jahre hat sie in Papeete gearbeitet. Doch das einfache Leben auf dem Land gefällt ihr wesentlich besser. Zu viel Hektik und Stress in der Stadt. Von ihr erfahren wir, dass die Leute im Dorf vom „Kopra“ und „Noni“ leben. Kopra sind getrocknete Kokosstücke die für die Herstellung von Oel und auch zur Produktion von Kosmetikprodukten verarbeitet wird. Aus Noni wird ein gesundheitsfördernder Trunk hergestellt. In Europa darf dieser Fruchtsaft allerdings nicht als solches angepriesen werden.
Im Nachbarhaus spielen einige Frauen und Kinder Bingo.  Weitere Frauen aus der Nachbarschaft gesellen sich zu uns auf die grosse schattige Terrasse.  Teliua verschwindet ins Haus. Kurz darauf erscheint sie mit zwei kitschig bunten Plastikteller, gefüllt mit verschieden zubereiteten rohen Fischstücken und gebratener Banane.

Probiert! Polynesische Spezialitäten.

Die Geschmäcker sind total fremd – doch unglaublich lecker!

Etwas später und etwa zwei Kilo moppeliger, klettert Thomas nun gut genährt auf Teliuas Avocado Baum. Bananen klaut sie in Nachbars Garten und stopft diese verschmitzt lächelnd in meinem Rucksack.

Beim Verlassen der Terasse, stolpern wir über eine beachtliche Ansammlung von Plastiksandalen und FlipFlops. So peinlich, wir haben unsere Schlappen nicht ausgezogen wie es offensichtlich hier üblich ist!

Am folgenden Tag bringen wir Teliua zum Dank einen  Kuchen, selber gebackenen – mit den geklauten Bananen.

March 11

Marquesas – Hiva Oa – Atuona

Das Dinghi ist am Morgen randvoll. Mit Regenwasser! Cool, da kann ich mich ja gleich gemütlich in die Badewanne legen statt am Steg die Open Air Dusche zu benutzen, deren Mauern nur knapp bis auf Schulterhöhe gebaut sind. Die schlechteste, oder je nach Sichtweise beste Zeit zum Duschen ist wenn der voll besetzte Schulbus ganz dicht an der Dusche vorbei fährt. Der Busfahrer wendet seinen Blick anständig ab, doch die Kinder kleben grölend am Fenster.

Bis die Badewanne leer geschöpft ist, braucht Thomi nun dringend eine Dusche. An das feucht heisse Klima müssen wir uns nach einem Jahr im kalten Patagonien erst gewöhnen. Die Kleider kleben dauernd am nass geschwitztem Körper. Deo muss gleich in Kanistern angeschafft werden.

Thomas hat das Hauptruder der Windsteueranlage, das im Schaft gebrochen ist, in die ganz neue Werft geschleppt. Willi kann das Ruder für umgerechnet 50 Euro schweissen. Es danach selber wieder einzubauen war allerdings nicht mehr so einfach. In der Bucht von Atuona läuft eigentlich immer ein beachtlicher Schwell ein und die Robusta will bei der Montage einfach nicht stillhalten. Das Dinghi schwappt am Heck einen halben Meter rauf und runter, was das Hantieren mit Werkzeugen beinahe verunmöglicht. Doch kurz vor absoluter Dunkelheit ist die Montage doch noch vollendet.

Die Stimmung unter den Seglern ist toll. Gegenseitige Besuche und Tratsch machen grossen Spass. Am Mittwoch Abend treffen sich die Segler und Leute vom Dorf am Aussichtspunkt zum Grillen. Ganz einfach; alle bringen etwas für die Allgemeinheit zum Teilen mit. Der unerschwingliche Alkohol ist besonders beliebt. Konsum von Alkohol am Strand und im öffentlichen Raum sind verboten. Dies kündigt ein Brief der Gendarmerie an jeder Ladentür an.

Das Dorf ist vom Dinghi-Steg bei der Tankstelle fünf Kilometer entfernt. Die Gendarmerie teilt uns mit, dass ohne Bedenken per Anhalter gereist werden kann. Kriminalität gibt es hier nicht. Die Menschen sind sehr freundlich. Das erste Auto das uns mitnimmt, biegt statt zur Tankstelle in eine Strasse die auf einen Berg führt. Ich wehre mich und die Madame fragt ob wir es denn eilig hätten? Sie will uns die Insel zeigen. An einem schönen Aussichtspunkt hält sie ihren SUV an und sammelt, während wir den Sonnenuntergang bestaunen, eine ganze Tüte Mangos für uns ein.

Auf der enorm grünen Insel ist die Versorgung nicht ganz einfach. Die Preise sind hoch. Viele Produkte sind aus Frankreich importiert. Grundnahrungsmittel mit den roten Etiketten sind vom Staat subventioniert. In den Geschäften liegen nur wenige schlaffe Gemüse in einem kleinen Gestell. Früh morgens, sehr früh, wann genau kann aber niemand sagen, wird von Montag bis Freitag Gemüse und Früchte von Bauern direkt vom Pickup verkauft: Bei der Post auf dem grossen Platz und in der Nähe der Bank – dort wird auch leckerer frischer Fisch verkauft.

Auffallend ist nach dem Aufenthalt in Südamerika, dass die Menschen ihre Gärten pflegen und liebevoll gestalten. Überhaupt ist Umweltschutz ein Thema. Plastiktüten müssen im Laden teuer gekauft werden und ein Schriftzug mit Bild weist auf verschiedene Naturschutz Themen hin. Auf den Strassen und am Strand liegt kaum Müll. Der Grund ist einfach: zwei mal pro Jahr wird der Bevölkerung verordnet, die Umgebung aufzuräumen und somit vom Müll zu befreien!

 

February 28

Pazifik Tag 46-48

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168 Seemeilen bis zum Ziel. Mit Segeln ist nun auch nichts mehr. Der Wind ist total eingeschlafen. In der Nacht liessen wir die Robusta treiben. Sieben Seemeilen ist sie alleine in die genau perfekte Richtung getrieben. Brave Robusta! So werden wir die Marquesas mit einem Knoten Strom nach Westen in einer Woche erreichen. Das ist uns nun zu blöd. Der Motor wird angeschmissen. Nach einer Stunde tut mir der Hintern vom Steuern weh, da die Wellen quer laufen, rutsche ich auf dem Cockpitbank hin und her. So stehe ich nun am Steuer. Das kann es doch auch nicht sein. Ich bin super dankbar, dass die Windsteueranlage nicht schon früher ausgestiegen ist. Wau, nicht auszudenken, mehrere Wochen mit kleiner Crew von Hand zu steuern! Doch in der Not steigert sich die Kreativität. Irgend etwas mit dem Fock hätten wir gebastelt. Dies Back stellen, zwei Leinen via Rollen ins Deckshaus gelenkt und dann ans Steuer gebändselt müsste doch theoretisch auch klappen. Probieren wir demnächst mal aus. Irgendwo in einer Gegend mit Wind.
Die ersten Delfine begleiten uns! Ein ganzer Schwarm Seevögel in der Ferne. Das ist eine tolle Aufmunterung. Haben wir doch auf der ganzen Überfahrt keine gesehen. Auch keine Wale. Nix. Dafür wunderschöne Wolkenbilder. Regenschauer, Sternenhimmel, unzählige Sternschnuppen bis mir keine Wünsche mehr in den Sinn gekommen sind.
50 Seemeilen vor dem Ziel, glaubt Thomas Land auszumachen.
Tatsächlich, nun erkenne ich die Konturen zwischen den Wolken am Horizont auch ganz schwach!
Yes! Bald sind wir da! Ob da auch noch andere Yachties sind? Ich bin richtig gierig wieder Menschen zu treffen. Oder sind welche da die wir bereits kennen?

Die Bucht ist von steilen spitzen Bergen, die immer wieder mal in fetten Wolken verschwinden, umgeben. Alles ist üppig grün! Unglaublich heiss und feucht. Die Sonne grillt senkrecht auf Höchststufe von oben und treibt den Schweiss aus allen Poren.

Nach 48 Tagen auf See fällt der Anker neben acht weiteren Yachten in der Bucht von Tahauku bei Atuona auf der Insel Hiva Oa, eine der Marquesas Inseln. Von Valdivia, Chile 5011 Seemeilen versegelt, mit sieben Tage Flaute.

Wir fallen uns in die Arme, dankbar und erleichtert es endlich geschafft zu haben!

Dinghi aufbauen und sofort an Land! Das ganze Chaos wird alles stehen und liegen gelassen. Die Segel wurden ja schon vorgestern eingepackt. Doch die Gastlandflagge fehlt noch. Eine Französische Flagge ist keine an Bord. Die Marquesas Inseln gehören zu Frankreich. Mit dem Fernglas glaubt Thomas im Dorf eine rot-weiss-rote Flagge neben der Französischen zu erkennen. Perfekt. So eine habe ich in der Flaggenkiste! Was die dort zu suchen hat, kann ich mir auch nicht genau erklären. Österreich liegt ja nicht am Meer?! Die gelbe Quarantäneflagge wird darunter gesetzt. Wieder mal alles nicht so ganz traditionell, aber lieber zu spät als gar nie.

Paddeln Richtung Land. Da blärrt schon jemand aus einer Yacht die vor Anker liegt. Es ist der Spanier Marco. Ob wir was trinken wollen. Einklarieren bei der Gendarmerie können wir erst ab halb drei. So nehmen wir die Einladung gerne an.

Eine Stunde später ist es soweit. Der linke Fuss berührt festen Boden! Toll. Ich falle hin, beinahe rückwärts ins Wasser. Die Landkrankheit setzt ein. So torkeln wir beide an den Werftarbeitern vorbei, als hätten wir einen in der Krone. Per Anhalter zu fahren ist hier üblich. Doch laufen wir lieber ins Dorf um den Bewegungsmangel zu kompensieren. Klappen jedoch fast zusammen. Es ist so feucht und heiss! Bei der Gendarmerie treffen wir mit hochroten Birnen und total durchgeschwitzten Klamotten ein. Ihr Büro ist klimatisiert. Toll! Die vier Beamten freuen sich, dass wir beide Französisch sprechen. Pässe, Bootspapiere und Ausreiseformular von Chile müssen vorgewiesen werden und ein kleines Formular im Vergleich zu den Chilenischen soll ausgefüllt werden.
„Menge Alkohol, Tabak und Drogen an Bord“ lautet eine Frage. Wie viel dürfen wir denn einführen erkundige ich mich? Eine Yacht wird wie ein Privathaushalt angesehen. Aber nach etwa 200 Liter werde dann schon mal die Alkoholsteuer fällig. So viel haben wir nicht eingeführt. Dann kommt das Ding mit dem sogenannten „Bond“. Die einen die nach Französisch Polynesien einreisen, müssen ein Flugticket für die Ausreise vorweisen. Die Beamten schauen auf einer Liste wie das für die Schweizer ist. Schweiz ist in der EU? Oui, oui, wir sind Nachbarn, ich liebe die Franzosen! Gut, alle aus der Europäischen Union sind vom „Bond“ ausgeschlossen. Paff und alles ist mit bizeli Schummeln erledigt.

Tipps um den „Bond“ zu umgehen: Buche im Internet einen Flug, präsentiere die Reservation bei der Gendarmerie, vor der Tür annullierst du den Flug gleich wieder.

So nun mal testen ob das klappt mit dem 48 Tage lang ersehnten Bier zu stemmen. Schliesslich wurde täglich trainiert! Die Bar ist noch nicht offen. Der Supermarkt ist bereits geschlossen. Doch wir dürfen doch noch rein. Ein Sixpack Bier kostet 20 Euro!!! Krass.

Leisten uns zur Feier des Tages zwei grosse Flaschen und dazu ein Baguette.

February 25

Pazifik Tag 43-45

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Noch 395 Seemeilen. Wenig Wind, Motti ist tot. So geht die Reise nur noch mit dem Grosssegel und dem Klüver halb eingerollt, damit er nicht flappt, mit schlappen drei Knoten weiter. Der Diesel würde nun ausreichen, um das ersehnte Land in rund 50 Stunden zu erreichen. Bedeutet aber von Hand steuern, da Robusta nicht mit einem Autopilot ausgerüstet ist. So beissen wir auf die Zähne und segeln so lange es geht im Schneckentempo weiter.
Heute Nacht steht eine Feier an: 20 Tausend Seemeilen sind wir nun schon mit der Robusta gesegelt (Angabe für Landratten: 37800 Kilometer) Fehlen noch 1600 Seemeilen damit dies dem Erdumfang am Äquator entspricht. Ich denke, nun gehören wir nicht mehr so ganz zu den Anfängern. So etwas muss schliesslich gefeiert werden. Mit Chilenischem Rum. Dabei schauen wir etwas zu tief in das Glas… So wird der folgende Tag nicht nur wegen dem leichten Wind zur Qual.
Plötzlich schlägt das Grosssegel um. Für einen Augenblick droht eine Patenthalse. Wird jedoch durch die Bullentalje vermieden, die wir konsequent setzen.
Die Windsteueranlage streikt. Das Hauptruder hat sich verschoben und ist nach unten gerutscht. Da es mit einer Leine am Heckkorb gesichert ist, liegt es nun nicht 3480 Meter tiefer am Meeresgrund. Da muss sich eine Schraube gelöst haben. Thomas versucht den Schaden kopfüber gebeugt zu beheben. Zu mühsam. Dinghi auspacken und aufpumpen? Bei praller Sonne? Nein, lieber noch ein Versuch. Diesmal sichere ich Thomas mit der Liveline am Heckkorb, damit er entspannter arbeiten kann. Doch das Ruder lässt sich nicht fixieren. Irgend etwas im Schaft muss defekt sein. Also ist die Windsteueranlage nun auch noch ausgestiegen, was bedeutet definitiv von Hand zu steuern! Das wird streng.
Segeln gehört nun nicht mehr gerade zu meinem Lieblingssport….

February 22

Pazifik Tag 40-42

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Seit Tagen ist ja der Empfang keiner Email.Station mehr möglich. Doch erinnerte ich mich doch schwach, dass es auch eine andere Möglichkeit gibt, Wetter auf hoher See zu empfangen: Der gute alte Wetterfax! Verschiedene Bodenstationen, für den Pazifik in Honolulu, senden täglich zu bestimmten Zeiten Wetterfax-Informationen. Das sind Wetterkarten oder Windprognosen von grossen Seegebieten, die sich über Kurzwelle empfangen lassen. Dabei hört der Computer die Signale und wandelt sie in ein Bild um. So empfangen wir wieder einmal täglich Windprognosen für die nächsten 3 Tage.
Thomas
Der Wetterbericht ist niederschmetternd. Wieder Flaute! Noch 630 Seemeilen liegen vor uns. Am Horizont erblickt Thomas einen Frachter. Die zweite Schiffsbegegnung seit sechs Wochen. Könnte fast schon von einem Highlight reden. Funke den Frachter aus Singapur an. Doch der Kapitän ist recht wortkarg. Na ja, ist ja auch noch sehr früh am Morgen. Kann ich gut verstehen.
Fast jeden Abend, zum Sonnenuntergang, bei einem Drink, mit kleinem Snack, widmen wir uns den Gesprächen über die Liebe. Klingt romantisch. Doch den Teppich zu entstauben ist spannend aber auch verdammt hart. In den letzten drei Jahren haben wir uns zu fest „angeglichen“. Wir sind fast immer zusammen. Sehr nahe zusammen. Privatsphäre, ausser auf dem Klo, gibt es keine. Unmöglich sich mal daneben zu benehmen, ohne dass es der andere gleich mitbekommt. So manche Erkenntnis über meinen Charakter und speziell mein so oft bockiges Verhalten, beschämen mich. Möchte mich etwas distanzieren um alles nochmals alleine nachwirken zu lassen. Aber wie bitte soll denn das mitten auf dem Pazifik auf einer 38 Fuss kleinen Yacht möglich sein?
Es ist so heiss, das Leintuch klebt am Körper, denken ist eh nicht möglich und muss auf kühlere Tage verschoben oder verdrängt werden. Das Grosssegel nervt. Es flappt. Also wird es geborgen. Nur Motti ist im Einsatz und die Robusta dümpelt mit knapp drei Knoten unter fantastischem Sternenhimmel bei Leermond durch die Nacht.
Regen prasselt durch die offene Luke in die Koje! Thomas aufwachen! Squall! Innert weniger Minuten steigert sich der Wind auf über 25 Knoten! Motti muss geborgen werden! Ein Knall und Motti ist wohl für immer zerstört! Traurig und frustriert stopfen wir den triefnassen Spinacker ins Cockpit.

Anja

February 19

Pazifik Tag 37-39

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Wie waren denn so die Wellen auf dem Pazifik? Das hat mich jedenfalls sehr beschäftigt…
Böse Wellen! Sie werfen das Schiff auf die Seite wenn ich kochen soll, Kaffee eingiessen möchte oder mich in der Koje ausruhen will. Sie rollen von hinten heran. Verschiedene Wellenfrequenzen, sich überlagernd und gegenseitig aufbauend. Ich möchte diese Variationen ein bisschen ausführlicher beschreiben. Die ersten Tage nach dem Start von Valdivia blies der Südwind heftig mit weit über dreissig Knoten. Die Wellen waren kurz und steil, drei bis vier Meter hoch. Der Wind stabilisierte Robusta jedoch wunderbar, so war’s für mich eine tolle Rauschefahrt. Mit den Tagen nahm der Wind langsam aber stetig ab, die Wellen folgten seiner Kraft. Es begannen einige Tage schönstes Segeln. Doch je mehr der Bug Richtung Westen abdrehte, um vom Südostpassat zu profitieren, desto mühsamer wurde die Fahrt. Eine lange Dühnungswelle – das Schnaufen des Pazifiks – überlagert von kleinen kurzen chaotischen Windwellen. Der Wind war ja stetig, doch mit zehn Knoten geradezu lasch. Das ist zuwenig für Robusta. Der Winddruck fehlte in den Segeln um es stabil auf einem Bug zu halten. Die Auswirkung von all dem, ein hin und herschaukelndes Boot, was alle 20 Sekunden einen Sonderschaukel obendrein brachte. Das zieht an den Nerve! Jedesmal ein Ruck ins Rigg, wenn die Segel schlugen. Der Mast erzittert erbärmlich. Was tun? Eine bevorzugte Lösung war das Reffen des Klüvers. Noch effizienter war das komplette Streichen (einrollen). Fahrt nur unterm Grosssegel. Das ist wohl nicht mehr so schnell, jedoch beruhigender fürs Gemüt und für die Bordstimmung.
Thomas

Seit einer Woche ist es nicht mehr möglich einen Wetterbericht (GRIB files) zu bekommen. Die Station in Chile ist mit SSB Funk nicht mehr erreichbar und mit der Station in der Südsee ist auch keine Verbindung möglich. Unsere Familien und Freunde können nicht mehr per Mail kontaktiert werden. Der Track und die Texte auf der Hompage sind nicht mehr nachgetragen. Also herrscht Funkflaute. Hoffen das sah nicht wie Schiffbruch für die Daheimgebliebenen aus!

Ein feiner Hauch Wind dringt durch die Luke. Die See beginnt sich zu kräuseln. Zwei, vier, sechs, Knoten! So kommt Motti, der alte Spinacker zum Einsatz. Fröhlich tanzt er vor dem Bug und zieht die Robusta immerhin mit vier bis fünf Knoten über den Pazifik. Seinen sanft wippenden Bewegungen schaue ich gerne zu und geniesse in seinem Schatten die unendliche Weite des Pazifiks.

Doch plötzlich ist der Schatten weg!

Der Motti badet im Meer und treibt neben der Robusta her. Das Fall ist gerissen. Wie mit dem Messer durchgeschnitten! Eigenartig. Mist, jemand muss auf den Mast um ein neues Fall einzuziehen, damit die Vorsegel wieder gesetzt werden können.

Grossegel runter, Motor an. Der von Höhenangst geplagte Thomas muss rauf da er nun einmal kräftiger ist. Ich muss erst mal üben, den Kutter gerade durch die Wellen zu lenken, damit die Mastspitze möglichst ruhig bleibt. Mit dem Grossfall über eine Rolle ins Deckshaus gelenkt, sichere ich Thomas. Eine Hand am Steuer, eine am Fall, Blick nach Oben und gleichzeitig auf die chaotischen von achtern anrollenden Wellen. Es fällt mir schwer die Seitwärtsbewegungen zu vermeiden. Die Maststufen erweisen sich als enormer Vorteil!

Thomas ist eindeutig der Held der Reise!

Anja

February 16

Pazifik Tag 34-36

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Hitze, 34 Grad, kein Lüftchen. Nun schon der vierte Tag Flaute. Die Segel sind gegen die bratende Sonne mit der Persenning geschützt und eingerollt. Was ich trinke, läuft direkt wieder aus den Poren. Robusta rollt unkontrolliert in den Wellen. Thomas hat einen Ausschlag am Rücken. Am nächsten Morgen sehe ich ebenfalls wie eine Aussätzige aus. Rote geschwollene Pickel! Weitere Stunden später, stellen wir mit Entsetzten fest, dass es sich um die selben Insektenstiche handelt, von denen wir bereits vor dem Auslaufen in Chile geplagt wurden! Was für ein Gau. Genau 30 Tage Ruhe. Keine Stiche, kein Insekt oder auch nur Spuren davon sind zu entdecken. Ich bin verzweifelt. Ist das alles peinlich.

Was tun? Sind noch immer 1143 Seemeilen vom Land entfernt. Bei den vielen Flauten, bedeutet das nochmals etwa zwei bis vier Wochen auf See, dies mit Ungeziefern die juckende Sticke verursachen.
Nicht auszuhalten. So beschliessen wir nach langem Hin und Her die chemische Keule einzusetzen.
Zwei Mittel stehen zur Auswahl: Eines in Pulverform vom Supermarkt und das andere als Flüssigkeit, die mit Wasser verdünnt werden muss, vom Landwirtschaftsladen. Auf beiden Produkten stehen Warnhinweise mit Totenschädelsymbol. Schutzkleidung, Handschuhe und Maske tragen! Aber nicht ein Wort wie die Chemie wieder aus dem Bettzeug und Textilien raus kommt.
Der Wetterbericht verspricht einen weiteren Tag Flaute. Perfekt. So wird erst mal sämtliches Bettzeug aus den Kojen der Achter- und Vorkabine an Deck gewuchtet. Sämtliche Klamotten wandern in schwarze grosse Mülltüten und bekommen eine Hitzebehandlung – ebenfalls an Deck. Das Gemüse wird im Cockpit verstaut und zugedeckt. Die warmen Decken, die wir nun eh nicht mehr brauchen, werden mit dem Pulver behandelt und ebenfalls in Mülltüten zwischengelagert. Thomas fuchtelt mit der Puderdose gegen den Wind, wobei ich eine Ladung direkt in die Luftröhre abbekomme. So doof, pissen würde er auch niemals gegen den Wind. Es ist wohl einfach zu heiss so nahe beim Äquator.
Wie ein Taliban Krieger eingehüllt, nehme ich den Kampf mit einer giftgrünen Sprühflasche gegen die Biester in der Vorkabine auf. Der Giftgasangriff bringt mich sofort fast zum Kotzen. Das Gebräu stinkt bestialisch! Thomas muss nun ran, während ich an Deck nach frischer Luft japse.
Wie kann es auch anders kommen, am Horizont türmt sich eine bedrohliche Wolkenwand auf! Wohin mit den frisch behandelten stinkenden Matratzen? Alle aufeinander geschichtet und mit einer Plane zugedeckt, überstehen sie nun einen ergiebigen Squall. Meine Nerven liegen blank. Eine weitere unruhige Nacht folgt. Schlaf versuchen wir in der Dinette zu finden – ohne Decken und Kissen.
Der letzte Tag Flaute mit Sonnenschein, wird genutzt um die kontaminierten Matratzen auszulüften. Als sich nun eine unbehandelte Decke unter die frisch gegen Ungeziefer behandelte Ware mischt, bekomme ich die ultimative Krise und ein Streit entfacht sich. Muss erbärmlich heulen…
Nichts kann mich mehr trösten, nicht einmal die super leckeren selbst eingemachten Gemüse oder ein Stück Kuchen mit Fruchtkompott.
Segeln ohne Wind ist einfach brutal! Wer sich da eine spiegelglatte, bleierne See vorstellt, liegt falsch!

Anja