December 3

Überfahrt von Fiji nach Neuseeland

Der Zahn ist noch drin. Jedoch mit einem schrillen Bohrer bis fast in die linke Hirnhälfte ausgefräst. Der Wurzelkanal wurde mit einem Medikament behandelt und wieder provisorisch verschlossen. Das halbe Gesicht hängt schief. Der Sabber läuft raus. Kein schöner Anblick. Nachts leidet Thomas unter Schmerzen. In dreieinhalb Wochen steht eine weitere Behandlung an.

Noch so lange warten bis die Reise nach Neuseeland angetreten werden kann? Das würde bedeuten, dass wir Weihnachten alleine auf See feiern würden. Es ist schon genug schlimm diese Zeit ohne meinen Sohn Sascha und der Familie und Freunden zu verbringen.

Vor zwei Tagen sind drei Yachten losgesegelt. Das Wetterfenster wäre für eine Überfahrt perfekt gewesen. Durchgehend Wind aus Ost. Das Hoch hat sich seit vorgestern keinen Millimeter verschoben.

Die Entscheidung fällt nicht ganz leicht, denn zwei Tage sind nun schon verstrichen. Das Wetter wird sich früher oder später verschlechtern. Wer nach Neuseeland runter fährt, muss mit mindestens 5 Knoten unterwegs sein um von Petrus keines auf die Mütze zu bekommen.

Eine Stunde später steht Thomas in Lautoka beim Ausklarieren. Ich mache derweil Klarschiff. Was für ein Stress. Das ist mir jetzt alles ein bisschen gar zu spontan. Was wenn der Zahn sich nicht beruhigt? Die Überfahrt wird etwa 10 Tage dauern. Eine lange Zeit um Zahnschmerzen auszuhalten.

Diesel und Wasser müssen noch gefüllt werden. In der Vuda Point Marina ist der optimale Ort um dies zu erledigen und das Dinghi muss auch noch gründlich von Bewuchs befreit werden. Eigentlich muss Fiji nach dem Ausklarieren sofort auf direktem Weg verlassen werden. Die Strafen sind horrend. Die Zahnbehandlung wäre die perfekte Ausrede!

Am nächsten Mittag geht es los. Die ersten Meilen mit Motorunterstützung. Ich sitze im Schatten vom Grosssegel um mich von der feucht tropischen Hitze der Marina abzukühlen und verbrate mir dabei den Rücken. Unerklärlich wie sowas möglich ist!

Kurz vor dem Pass, der Ausfahrt aus dem Riff, wehen heftige Fallböen von den Bergen. Das Grosssegel ist bereits im ersten Reff. Wir Anfänger hätten gemütlich in der Marina den grossen Klüver gegen den kleinen auswechseln können.

Eine halbe Stunde später legt sich die fette Robusta auf Amwindkurs dermassen auf die Backe, dass das Cockpit mit Wasser voll läuft. Noch mehr Reffen! 20 Knoten war doch die Ansage! Jetzt sind es 30. Das Bullauge im Bad ist auch nicht mehr dicht. Der Klogang erfolgt in Kombination einer erfrischenden Dusche. Aus einer Baumwollschnur drehe ich eine etwa zwei Millimeter dicke Kordel. Thomas muss raus und drückt eine Isomatte gegen das Fenster. Nun öffne ich es von innen, pople die Gummidichtung in Rekordzeit raus und lege die Kordel unter den Gummi ein.

Perfekt, alles wieder voll dicht – Thomas total nass! Der Zahn wurde auch nicht weggeschwemmt.

Kochen ist die ersten drei Tage unmöglich. Vor der Abreise hatte ich noch einen etwas überdimensional geratenen Zopf gebacken und einen grossen Linseneintopf zubereitet, da diese ja nicht nach Neuseeland eingeführt werden dürfen. Eigentlich wären wir gerne am liegen. Doch Thomas entdeckt Wasser in der Bilge! Viel Wasser. Wo kommt das her? Da war noch nie Wasser!!! Es ist rabenschwarz!? Wie denn das? Es ist Diesel der den Bitumen, mit der die Bilge ausgegossen ist, auflöst. Die Brühe schwappt wild umher. Das Klopapier ist da unten gelagert. Der Stressfaktor steigt nun in den roten Bereich. Erst wird das Leck gesucht, dann der Diesel in Kanister gepumpt. Dafür muss auch noch ein Trinkwasserbehälter herhalten. Vor der Abreise hat Thomas ein neues Spielzeug montiert. Eine neue Tankanzeige die dann leckte. Bei der alten war voll leer und leer voll. War doch eigentlich gar kein Problem.

Schlafen ist auch unmöglich. Die Schiffsbewegungen sind hart. Die See kracht über die ganze Robusta. Wasser findet den Weg bis zum Kartentisch und überschwemmt die Computertastatur. Die Maus ist auch sofort tot. Immer wieder regnet es heftig. Der Gang auf’s Klo wird möglichst lange rausgeschoben. Mit Pimmel sieht das alles viel einfacher aus. Dank Robustas Deckshaus ist das Oelzeug noch nicht zum Einsatz gekommen. Nachts wird es jedoch merklich kühler und zum schlafen brauchen wir nun wiedermal eine Kuscheldecke.

Krisensitzung bei einer Dose Bier:

Meine Nerven liegen echt blank. Seekrank sind wir zum Glück wie immer beide nicht. Thomas hat das Segeln auch schon mehr genossen. Der Kurs kann nicht gehalten werden. Dreht der Wind einen Zacken mehr nach Süd, segeln wir an Neuseeland vorbei. Zwei Optionen stehen offen: Wenden und versuchen nach Fiji zurück zu gelangen ohne daran vorbei zu segeln, oder die gemütlichere Variante, nach Neukaledonien ablaufen.

Nach dem Bier sind wir beide wieder etwas lockerer; Beissen auf die Zähne und ziehen es durch, mit dem Risiko kurz vor Neuseeland noch auf ein Tief zu stossen.

Angela und Reto, die uns mit der Grosswetterlage beratend zur Seite stehen, melden, dass sich ein Tief nur sehr langsam auf Neuseeland zubewegt. Die Prognosen versprechen, der Wind werde in ein paar Tagen auf Nord drehen. Da könnten wir einen gemütlicheren Kurs einschlagen und etwas abfallen. Doch wir bleiben auf Kurs. Wie sich später herausstellt war diese Entscheidung super, denn der Winddreher blieb aus! 

Das ist doch eine Ansage die uns freut! Ab dem fünften Tag wird es etwas gemütlicher. Sind nun auch wieder auf der direkten Kurslinie. Der Wind und somit auch die See, haben sich etwas gelegt. Segeln aber noch immer möglichst hart am Wind. Die nächsten vier Tage läuft die Robusta wie von selbst. Müssen weder an den Segel noch an der Windsteueranlage etwas fummeln. Kochen ist auf diesem Kurs nach wie vor reinste Akrobatik, aber immerhin möglich. Eigentlich werden beide Hände zum festhalten gebraucht. Das Gemüse rollt vom Küchenbrett. Nur im gut verschlossenem Dampfkochtopf bleibt das Essen auf sicher drin.

Nach neun Tagen gleitet die Robusta mit 1150 Seemeilen mehr unter dem Kiel, genau bei Ebbe gemächlich in die Flussmündung vom Whangarei.  Beim Segel bergen, stellen wir fest, dass die Halterung des Kutterstg am Mast gebrochen ist.

Die Küstenwache konnte per VHF Funk nicht erreicht werden. Erst kurz vor dem Port of Entry meldet sich jemand. Das Neuseeland Englisch ist kaum zu verstehen! Auf welchen Kanal wechseln kapieren wir beide nicht. Auch nach dem zehnten mal noch nicht. Der Mann repetiert immer ganz genau gleich doof. Egal, wir haben uns wie vorgeschrieben angemeldet. Hoffen er hat sich den Schiffsnamen gemerkt und leitet den Zollbehörden weiter, dass wir einklarieren wollen. Es ist bereits Abend, denken die werden erst morgen kommen um die Robusta durchzuwühlen!

Erst mal kräftig in Ruhe ohne Seegang ausschlafen. 

Angela und Reto, grossen Dank für die aufheiternden Mails und die täglichen Wetterinfos! Freuen uns euch bald wieder zu sehen!


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Posted 03.12.2017 by robusta in category Neuseeland

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