March 12

10. Woche Werft

Gerade eben lag ich noch mitten in den schönsten Träumen. Alles war so entspannt, wäre da nicht das zzzzzzzhhhckkkk oder pipipipipi. In einer unglaublichen Frühe wird in der Industriezone schon aktiv gearbeitet. Ohrenstöpsel sind genial. Ich rede zu laut, weil ich in der Werft eigentlich immer Ohrstöpsel trage. Nur Thomis Schnarchen dringt locker durch die Dinger. Die nächtliche Lämbelästigung macht er mit einem Kaffee an die Koje wieder gut. Thomas, hast du Internet? Ja, aber sehr langsam.  Guten Morgen! Kaffee und Mails lesen und schreiben, mit Freunden und Familie chatten…. das könnte ich morgens Stunden geniessen. Doch hinter dem Moskitonetz der 8-er Kajüte, erwartet mich pures Chaos. Wer hat schon einmal ein Haus umgebaut und zur selben Zeit darin gewohnt? Überall Staub und vom vielen Regen auch noch Dreck.

Ich mag mich noch ganz genau erinnern als Mischa  mir in den Kap Verden erzählt hat, wie er, als er seine Stahlyacht gekauft hat, sie total ausgehölt hat um den Rumpf von innen zu konservieren. Ich war geschockt. Eine gewisse Naivität, dass uns diese Arbeit bei einer annähernd 30 jährigen Stahlyacht erspart bleibt, muss schon mitgespielt haben…

Ja und das tun wir jetzt: Den Rumpf von aussen und von innen renovieren. Es wurde höchste Zeit! Diese Saison wird  das Erkunden von Neuseeland nicht mehr möglich sein. Doch auch die kleineren Ausflüge in der Umgebung von Whangarei mit unseren Velos machen Spass. Das stationäre Leben in der Werft finden wir auch ganz nett. Lucie, Miri, Jordibölle und Christian sind nicht mehr da. Wir vermissen die Adams Family! So ist alles im Wandel. Oft machen mich diese Wechsel traurig. Das Abschiednehmen von liebgewonnenen Personen fällt mir schwer. Oft bestehen die Freundschaften jedoch auf elektronischem Weg weiter. Mit etwas Glück schaffen wir es, einander auch wieder zu treffen. Oft beleiben jedoch nur die schönen Erinnerungen. So ist eben das Langfahrten-Segler-Leben! Sich auf neue Kontakte einlassen und Abschied nehmen gehören zum Alltag. 

Nun aber erst mal was an der Robusta in den letzten Wochen gearbeitet wurde:

Um den Rumpf von innen zu konservieren, müssen die Möbel ausgebaut werden. Das geht alles nicht so einfach. Alles ist extrem fest eingebaut. Hundertfach verschraubt und zusätzlich auch noch verleimt damit bei Seegang nichts in Bewegung gerät oder quietscht. Die Schrauben sind teilweise verhockt oder die Köpfe brechen ab. So gehen die Elemente beim Ausbau oft kaputt und da bin ich dann besonders gefordert. Damit es möglich ist alles wieder zusammenzusetzen, fotografiere ich jedes Stück beim Ausbau und nummeriere es. Ich arbeite gerne mit Holz. Flicke zerbrochenes Holz wieder zusammen oder erneuere es. Thomas ist da eher der Mann für’s Grobe.

Hier sein Lieblingswerkzeug der “Needlegun” (Nadelpistole)

Jetzt wo mal alles offen gelegt ist, organisiert Thomas das Kabelchaos. Meine Bewunderung! Das sah ja krasser aus als hätten Katzen mit Wolle gespielt.

Letzte Woche konnte die 8er Kajüte eingeweiht werden! So sind wir von der Vorkabine ausgezogen und schlafen jetzt vorübergehend in der schön renovierten Kajüte. Die Vorkabine ist ausgebaut und der Stahl neu gestrichen. Unter dem einen Bullauge muss auch noch geschweisst werden. Immer wieder vergessen wir dieses Fenster zu schliessen und so arbeitet sich das Salzwasser bei Seegang unter den Holzrahmen vor und treibt sein übles Werk.

Speziell hat uns gefreut, die Crew der Kalibu wieder zu treffen!

So und heute ist eine Zwangspause angesagt. Zyklon Hola ist im Anmarsch und wir verbringen eine Unruhige Nacht. Genau jetzt ist der Kajütendeckel in Renovation und die Farbe sollte trocknen. Natürlich hat es in meine Koje geregnet! 

February 6

Sicherheitswahn

 

Die Robusta steht noch immer auf dem Trockenen. Für diesen Aufenthalt in der Werft haben wir mehrere grössere Renovationsarbeiten angepackt.

-Das Unterwasser soll einen komplett neuen Farbaufbau bekommen

-In der Küche unter dem Spülbecken und in der Hundekoje, wo sich Kondenswasser gesammelt hat, nagt der Rost. In der Achterkajüte liegt auch immer etwas Salzwasser dessen Ursprung nicht nachvollziehbar ist. Auch dort ist Rost erkennbar. Der Stahl wurde an den kritischen Stellen angebohrt um die Dicke zu ermitteln.

Ein Stahlschiff rostet immer von innen!

-Das Deckshaus aus Stahl muss neu gestrichen werden

-Cockpitboden sieht auch gruselig aus

-Motor: kleinere Servicearbeiten

-Ankerkasten streichen, Rahmen und Deckel aus Holz renovieren

-An Deck Farbe ausbessern

Dann sind da auch noch diverse kleinere Arbeiten zu erledigen, die immer drei mal so viel Zeit in Anspruch nehmen wie geahnt. Hier eine grobe Auflistung dazu: Toiletten inklusive Schläuche zerlegen und reinigen (um diese Arbeit streiten wir uns immer). Bilgenpumpe: auseinander nehmen und reinigen. Luken und Bullaugen: neue Dichtungen einsetzten. Dinghi reparieren: Luft geht raus, Wasser kommt rein. Dinghi Motor: reparieren da er immer wieder mal bockt und stockt. Kutterstag: Halterung am Mast erneuern. Ankerkette und Anker: galvanisieren lassen (Rostschutz). Baumstütze aus Holz: streichen und Halterung erneuern. Deckshaus aus Lastwagenplane: alle Nähte nachnähen. Diese Arbeit durfte ich an Lu’s Industrie-nähmaschine durchführen.

Es scheint die Tu-was-Liste wird täglich grösser statt kleiner! Mittlerweile sind wir seit sechs Wochen in der Werft. Fluchen mindestens fünfzehn mal pro Tag, dass wir Neuseeland für die Wartungsarbeiten gewählt haben. Alles ist ums mehrfache teurer und komplizierter. Immerhin sind Ersatzteile leicht zu bekommen. Die ganzen Bestimmungen betreffend Umwelt sind ja voll o.k. Schön gibt es Länder die Wert auf Naturschutz legen. Für Schleifarbeiten dürfen nur Maschinen benutzt werden, die an einen Staubsauger angeschlossen werden können. Zusätzlich müssen Planen am Boden ausgelegt und Netze um die ganze Yacht gespannt werden. Nass schleifen geht gar nicht, da die bunte Sabbersauce direkt in den Boden versickert!

Das geht ja alles noch. Hast du aber eine Stahlkiste, wird alles noch zehn mal komplizierter. Die schönen weissen Yachten sollen verständlicherweise nicht’s vom Stahlschleifstaub abbekommen, welcher hässliche kleine braune Rostflecken auf den weissen Oberflächen verursacht. In der Norsand Werft sind darum, wie wir es nennen, die Stahlyachten im Stahlghetto untergebracht. Nur wir stehen neben den weissen Joghurtbechern! Aber dafür ist es wohl der schönste Platz der Werft. Direkt am Fluss mit schönster Aussicht! 

Im Moment wächst uns alles etwas über den Kopf. Ich habe das Gefühl alles nimmt kein Ende und wir werden es nicht mal schaffen vor dem Winter einzuwassern. Mit welcher Arbeit beginnen? Immer wieder versuchen wir zu planen. Doch da viele Arbeiten von uns das erste Mal ausgeführt werden, ist es nicht leicht abzuschätzen, wie viel Zeit alles in Anspruch nehmen wird. Genau zum richtigen Zeitpunkt lernen wir Miri kennen. Sie ist Metallbauerin,  kommt aus Deutschland und ist auf traditioneller Wanderschaft. Sie schneidet aus Robustas Bauch Stücke raus, als handle es sich um eine Tranche Speck. Mir bereitet es sichtlich mehr Mühe das störrische Material zu bearbeiten (ich kann mir jetzt gerade gut vorstellen was meine Freunde denken). Um eine vier Millimeter fette Platte einzupassen, brauche ich drei mal so lange wie der Profi Miri. Malen oder Holz bearbeiten gefällt mir schon wesentlich besser! Das macht alles nicht so einen Höllenlärm. Da trete ich sogar freiwillig für die Wartung der Toiletten an.

An Robustas Bauch mussten nun tatsächlich Roststellen ausgeschnitten werden, um neuen Stahl einzuschweissen. Da wären wir beim Thema Sicherheit angelangt. Wer sogenannte „Hotwork“ tun will, braucht in Neuseeland eine Bewilligung. Die Funken die beim Flexen und Schweissen entstehen, könnten ja ein Inferno in der Industriezone von Whangarei verursachen. Genau da beginnt der Gau. Die Absicht die Robusta abzufackeln steht nirgends auf unserer Tu-was-Liste! Der Hotwork Fackel umfasst zwei A4 Seiten mit Anforderungen die teilweise sinnvoll sind. Doch die meisten der Regelungen empfinde ich als absolute Schikane. In anderen Ländern mussten bereits Schweissarbeiten ausgeführt werden. Nicht mal im überreguliertem Europa war es derart kompliziert. Mit dem Feuerzeug habe ich versucht ein Stück Isolation in Brand zu setzen. Keine Chance! 

Es kommt noch dicker: Nur schon dieser Vorfall ist bezeichnend für die absolute Entmündigung erwachsener Personen in diesem wunderschönen Land. Mitlerweile bekomme ich einen dicken Hals, höre ich das Wort Sicherheit. Die Bilge soll mit Bitumen ausgegossen werden. Das ist billiger guter altbewährter Rostschutz. Im Yachtbedarf wird dieses Produkt für 250 Kiwi Dollar für 12 Liter verkauft. Das ist nicht nur Wucher sondern bereits kriminell! 

So wende ich mich direkt an die Strassenbaufirma gegenüber der Werft. Eine halbe Stunde später will ich die schwarze Brühe mit dem Leiterwagen abholen. 20 Liter kosten 10 Dollar. Am Eingang des Geländes werde ich von den vielen Sicherheitsschilder fast erschlagen. Der Anblick löst akuten Brechreiz aus. Gerade eben, am Telefon war noch alles klar. Jetzt will mir niemand den Bitumen geben! Meine Brasilianischen Sicherheitsschuhe, die Flip Flop, haben ihnen wohl nicht behagt.

Rob, ein Neuseeländischer Freund, will sich um die Angelegenheit kümmern. Er ist Verantwortlicher für die Piplineschweissarbeiten und schämt sich für die Absurden Sicherheitsbestimmungen. Auch Rob taucht vergebens bei der Firma auf. Doch eine Woche später meldet sich ein Mann bei bei ihm. Er könne so viel Bitumen wie er wolle abholen. Alles in Liter Dosen abgefüllt und erst noch kostenlos!

So verplämpern wir viel Zeit wegen der ganzen Regeln, die nicht nur uns das Leben schwer machen. Sind es nicht die Regeln die uns an der Arbeit hindern, ist es der Regen!

Zur Auflockerung geniessen wir die Abende mit Miri, Lu, Chris, Jordy, Christian und Rob, die schon nach kurzer Zeit gute Freunde geworden sind. Wir nennen uns die „Adams Family“! Kochen gemeinsam und manchmal findet sich auch noch Zeit und Lust für eine Jamsession. Lu spielt Gitarre und singt fantastisch. Kommen noch Miri mit der Ukulele und Christian mit seiner Gitarre im Amistyle und Rob am Bass mit dazu, bekomme ich vor Entzückung Hühnerhaut. Ich habe nach Jahren wieder begonnen Djembe zu spielen. Das macht irre Spass und lässt die doofen Regeln vergessen.

Doch machen wir auch immer wieder nette Erfahrungen. Wer mit dem Kiwi plaudert und verhandelt, bekommt auch immer Reduktionen. Sogar für eine Kiste Bier habe ich schon so manchen wertvollen Service bekommen! Frauenbonus trotz fortgeschrittenem Alter? Cool, da gefällt mir Neuseeland doch wieder ganz gut!

Ab und zu verlassen wir auch die Werft und werden irgendwo eingeladen oder machen einen Ausflug. Dazu aber mehr im nächsten Blog!

January 3

Liebenswertes im Land der Kiwis

Die Norsand Werft liegt fünf Kilometer südlich von Whangarei in der Industriezone. Öffentliche Verkehrsmittel habe ich noch keine entdeckt. So versuche ich für uns zwei Fahrräder aufzutreiben. Ich klappere die Fahrradgeschäfte erfolglos nach gebrauchten Fahrräder ab. Nur neue unerschwingliche Modelle sind im Angebot. Whangarei scheint ein Paradies für Secondhandläden zu sein. Tolle Klamotten, Campingausrüstungen wie neu und so allerlei für das tägliche Leben – aber kein Fahrrad. Schon etwas verzweifelt frage ich auf der Strasse eine Frau wo ich ein gebrauchtes Fahrrad kaufen könne. Sie weiss keinen Rat. Zerrt mich jedoch in das nächste Geschäft, fragt dort nach Papier und Stift und notiert sich meine Mail. 

An die grossen Supermärkte habe ich mich noch nicht gewöhnt.  Kleine übersichtliche Lebensmittelgeschäfte gibt es in Neuseeland nicht. Ich hasse es so einzukaufen. Dann ist da der neuste Gag mit dem Selbsteintipp – Scann statt Kassenpersonal. Das ist doch nun echt der Brüller. Ich beobachte die Scene am Ausgang erstmal aus Distanz. Da drehen und wenden die Einkaufenden die Produkte umständlich um sie einzuscannen. Dauert alles eine Ewigkeit. Ich werde mich bis in alle Ewigkeit weigern, meinen Frass selber einzuscannen. Nicht weil ich zu faul dazu bin, sondern weil ich mir Gedanken über den Verlust vieler Arbeitsplätze mache. Also stelle ich mich an eine Kasse, die noch mit Personal besetzt ist. Ich vermisse die Gemüsemärkte von Fiji! Die exotischen Düfte, das Gewusel an den kleinen stets so lieblich angerichteten Ständen. 

In der Auktionshalle ersteigert Thomas drei Schleifmaschinen und andere Werkzeuge. Das funktioniert so: Samstag 11.30 Uhr geht’s los: In der Halle sind nummerierte Bananenkisten mit allerlei Inhalt aufgestellt. Natürlich auch grössere Artikel die nicht in einer Kiste Platz haben. Wer ersteigern will, muss sich registrieren und erhält ebenfalls eine Nummer. Der Auktionär nennt einen Preis, falls niemand höher geht, wird der Artikel günstiger bis sich jemand  meldet. Im Beispiel der Kiste mit den Schleifmaschinen und Werkzeugen wollte er Verkäufer 80 Dollar. Thomas hat als einziger 40 geboten. So musste der Verkäufer kontaktiert werden um über den Preis neu zu verhandeln. 50 Dollar wurden vereinbart. Dazu kommen dann noch 20 Prozent für das Auktionshaus. Ich strecke nochmals den Kopf in den nahe gelegenen Secondhand Shop.Da steht nun tatsächlich ein Fahrrad! Total verrostet, mit platten Reifen, ein Helm und eine Tüte mit Ersatzteilen gehören auch noch dazu. 20 Dollar. Ich nehme das verkrüppelte Teil mit, schiebe es zur Tankstelle, pumpe dort die Reifen die tatsächlich noch dicht sind und radle zurück in die Werft. Die Gänge sind blockiert und alles quiekt und schäppert. In der Werft bekommt “Rosti” eine 4WD-Behandlung. Nach einem halben Tag Einwirkzeit mutiert Rosti zu einem stattlich, funktionstüchtigem Fahrrad! 

Fahrradfahren in Neuseeland ist jedoch der absolute Gau! Der Linksverkehr ist total verwirrend. Hinter dem Steuer verwandelt sich der sonst so freundliche Kiwi in ein Monster. Auch als Fussgänger wirst du von den Autofahrern nicht beachtet. Mir scheint alles läuft nach dem Motto “wir in unseren grossen Karren sind die Stärksten”. Mühsam. 

Abends erhalte ich eine Mail. Der Absender ist mir unbekannt. Haidee schreibt, sie hätte mit ihrem Mann gesprochen und beschlossen, mir ein Fahrrad für die Zeit die ich in der Werft bin, auszuleihen. Ist das nicht super nett? Würdest du dein Fahrrad einer fremden Person ausleihen, die dich mitten auf der Strasse anquatscht? Das rückt den Kiwi doch sofort wieder in ein ganz anderes Licht. Die Neuseeländer sind echt Hilfsbereit. Auch Autostop klappt hier super. Ein Umweg wird nicht gescheut um dich direkt vor die Haustür zu befördern.

Und hier noch so eine Anekdote wie liebenswürdig der Kiwi ist wenn er nicht im Auto hockt: Die Bohrmaschine hat schlapp gemacht. Robustas vier Millimeter dicker Stahl hat ihr Leben ausgelöscht. So wird beschlossen, im Downtown Tools eine gebrauchte, währschafte Bohrmaschine zu kaufen. (dieser Laden ist echt empfehlenswert  für gebrauchte und neue Werkzeuge, tolles Personal).  Thomas kommt mit einem niegelnagel neuem rot leuchtendem Gerät zurück welches er im Warehouse für 40 Dollar erstanden hat. Made in China. Ich motze und wette darauf, dass das Teil eine Lebensdauer von maximal einer Stunde haben wird. Nach 54 Minuten steigt aus dem rotem Ding schwarzer Rauch. Der Laden verspricht auf seine Produkte ein Jahr Garantie. Also nichts wie hin. Doch der Kassenzettel ist nicht auffindbar. Thomas radelt so dreckig wie er ist nochmal zum Warehouse, wühlt dort im Müll um die Schachtel und den Kassenzettel wieder zu finden.

Da streckt ihm ein Kiwi, unaufgefordert drei Dollar entgegen!

 

 

 

December 25

Whangarei – Norsand Boatyard – Weihnachten

Wer denkt Segeln bedeutet immer eine Tolle Zeit zu haben, bei schönem Wetter über blaue endlose Ozeane zu gleiten, im Meer planschen,  in fremde Kulturen einzutauchen, nette Leute kennen  lernen, die Natur  geniessen, immer relaxt zu sein, liegt komplett zu hundert Prozent falsch! Die Realität sieht da etwas anders aus. Seit dem 18. Dezember steht die Robusta wieder einmal für diverse Reparaturen an Land . Die Tu-was-Liste ist unglaublich lang.

Nach der Weihnachtsfeier, die wir ausgiebig in der Werft feierten, sind wir wieder getröstet. Wir dachten wir sind die einzigen Segler die so enorm viele Reparaturen zu bewältigen haben. Am zweiten Weihnachtsfeiertag hatten wir die Ehre Segler kennen zu lernen, die schon vor der Inovation von GPS auf den Weltmeeren unterwegs waren. Die meisten von ihnen sind ebenfalls mit Stahlkisten unterwegs. Sie haben riesige Erfahrungen mit Reparaturen und waren schon unzählige Male mit irgendwelchen skurrilen Problemen konfrontiert. Ich würde sagen, das sind die wahren Improvisationskünstler unter den Seglern. Diese erfahrenen Menschen haben uns schon sehr viele wertvolle Ratschläge gegeben.

Die Robusta ist in ihrem Leben von fast 30 Jahren, nur schon in den letzten 3 1/2 Jahren, weit mehr als die Strecke vom Erdumfang am Äquator gesegelt. (Erdumfang = 40075  Kilometer oder 21000 Seemeilen.) Das hat logischerweise auch grossen Verschleiss zur Folge. 

Doch jetzt ist für heute erst mal Arbeitspause angesagt. 

Unseren Familien und Freunden wünschen wir eine schöne Weihnachtszeit. 

Wir vermissen euch alle so sehr! Auch wenn wir auf der anderen Seite der Welt sind, bitte vergesst uns nicht!

December 4

Whangarei

Kommen sie nun endlich? Wir würden gerne an Land! Die ersten Eindrücke von Neuseeland erfahren, Landluft schnuppern. An jedem neuen Ort riecht es immer wieder speziell. Die Nase ist nach einer Seepassage immer speziell aufnahmefähig. Die Neugier auf die neuen Gegebenheiten ist riesig. 

Die vergitterte Stahltüre öffnet sich und ein Beamter vom „Custom“  (Zoll)  nähert sich der Robusta. Er sieht nicht all zu böse aus, er war sogar echt freundlich. Die Prozedur geht einfach und schnell. Robusta darf zwei Jahre zollfrei in Neuseeland bleiben. Wir dürfen nur drei Monate in Neuseeland bleiben, jedoch mit der Möglichkeit das Visum um weitere drei Monate zu verlängern. Nun schreitet auch schon der Mann von der „Biosecurity“ mit einer Rolle extra large Mülltüten unter den Arm geklemmt daher. Mit in diesen Tagen modernem buschig langen Bart, sieht er etwas grimmig aus.

Um es kurz zu machen, etwa 10 Kilo Fressalien landeten in einem seiner Müllsäcke!

So genau wurden wir in den letzten 19 Länder niemals kontrolliert. Artenschutz ist ein Grund für die scharfe Kontrolle. Sämtliche Lebensmittel und alles was mit Erde Kontakt hatte, muss vorgeführt werden. Die Schuhe zum Beispiel: Mit den Flipflops gab er sich nicht zufrieden. Der schlaue Kerl wusste genau, dass Wanderschuhe mitreisen. Die sind aber irgendwo unter der Koje tief unten vergraben. Die habe ich aber tatsächlich von allem Dreck und den blöden Selbstklebesamen befreit. Ich muss sie nicht ausgraben. Er glaubt mir. Als Alternative führe ich ihm den Staubsauger vor.

Link Einreisebestimmungen im Detail

Die ganze Prozedur dauerte geschlagene zwei Stunden.

So und nun kann`s losgehen. Bei Niedrigwasser, unter Motor den Fluss hoch, bis ins Zentrum von Whangarei. Da ist aber eine Moderne Klappbrücke im Weg. Doch sie öffnet sich nicht! Keiner antwortet von der Bridge Control! In letzter Sekunde schaffen wir es mit vollem Schub rückwärts gegen die Strömung die uns direkt auf die Brücke zuschiebt, an den Wartesteg anzulegen. Unsere Freundin Angela kommt gerade zufällig mit dem Paddleboard zur Hilfe geeilt. Perfektes Timing! Die Bridge Control ist auf Kanal 18 statt 64 zu erreichen. Kein Wunder antwortet da niemand. Die Brücke werde gerade gewartet – wir müssen sechs Stunden warten.

Am Abend liegt die Robusta am Gästesteg in der Town Basin Marina im Zentrum von Whangarei. Grosses Hallo. Viele Bekannte sind da. Das Wiedersehen wird mit einem Grillabend gefeiert.

Im überdimensional grossem Supermarkt Pack and Save wird sofort Bier und Fleisch eingekauft. Der Kulturschock trifft wie ein Faustschlag. Alles ist riesig, die Autos, der Lärm. Diese übersteigerte Betriebsamkeit macht mich ganz nervös! Die Läden sind vollgestopft mit lauter Dingen die eigentlich niemand braucht. Die Menschen sind weiss und oft auch schwabbelig wie Mozzarella. Doch eigentlich ist hier alles so schön sauber, nette Parkanlagen, Skulpturen und Kunstwerke zieren die Uferpromenade. Liebevoll angelegte Blumenbeete überall. Trotzdem sind wir traurig. Traurig denke ich an die liebenswürdigen freundlichen Fijipeople – ich vermisse ihr Lächeln und den so hübsch klingenden Gruss, Bula

„Mode Fiji“ – Ciao Fiji

 

December 3

Überfahrt von Fiji nach Neuseeland

Der Zahn ist noch drin. Jedoch mit einem schrillen Bohrer bis fast in die linke Hirnhälfte ausgefräst. Der Wurzelkanal wurde mit einem Medikament behandelt und wieder provisorisch verschlossen. Das halbe Gesicht hängt schief. Der Sabber läuft raus. Kein schöner Anblick. Nachts leidet Thomas unter Schmerzen. In dreieinhalb Wochen steht eine weitere Behandlung an.

Noch so lange warten bis die Reise nach Neuseeland angetreten werden kann? Das würde bedeuten, dass wir Weihnachten alleine auf See feiern würden. Es ist schon genug schlimm diese Zeit ohne meinen Sohn Sascha und der Familie und Freunden zu verbringen.

Vor zwei Tagen sind drei Yachten losgesegelt. Das Wetterfenster wäre für eine Überfahrt perfekt gewesen. Durchgehend Wind aus Ost. Das Hoch hat sich seit vorgestern keinen Millimeter verschoben.

Die Entscheidung fällt nicht ganz leicht, denn zwei Tage sind nun schon verstrichen. Das Wetter wird sich früher oder später verschlechtern. Wer nach Neuseeland runter fährt, muss mit mindestens 5 Knoten unterwegs sein um von Petrus keines auf die Mütze zu bekommen.

Eine Stunde später steht Thomas in Lautoka beim Ausklarieren. Ich mache derweil Klarschiff. Was für ein Stress. Das ist mir jetzt alles ein bisschen gar zu spontan. Was wenn der Zahn sich nicht beruhigt? Die Überfahrt wird etwa 10 Tage dauern. Eine lange Zeit um Zahnschmerzen auszuhalten.

Diesel und Wasser müssen noch gefüllt werden. In der Vuda Point Marina ist der optimale Ort um dies zu erledigen und das Dinghi muss auch noch gründlich von Bewuchs befreit werden. Eigentlich muss Fiji nach dem Ausklarieren sofort auf direktem Weg verlassen werden. Die Strafen sind horrend. Die Zahnbehandlung wäre die perfekte Ausrede!

Am nächsten Mittag geht es los. Die ersten Meilen mit Motorunterstützung. Ich sitze im Schatten vom Grosssegel um mich von der feucht tropischen Hitze der Marina abzukühlen und verbrate mir dabei den Rücken. Unerklärlich wie sowas möglich ist!

Kurz vor dem Pass, der Ausfahrt aus dem Riff, wehen heftige Fallböen von den Bergen. Das Grosssegel ist bereits im ersten Reff. Wir Anfänger hätten gemütlich in der Marina den grossen Klüver gegen den kleinen auswechseln können.

Eine halbe Stunde später legt sich die fette Robusta auf Amwindkurs dermassen auf die Backe, dass das Cockpit mit Wasser voll läuft. Noch mehr Reffen! 20 Knoten war doch die Ansage! Jetzt sind es 30. Das Bullauge im Bad ist auch nicht mehr dicht. Der Klogang erfolgt in Kombination einer erfrischenden Dusche. Aus einer Baumwollschnur drehe ich eine etwa zwei Millimeter dicke Kordel. Thomas muss raus und drückt eine Isomatte gegen das Fenster. Nun öffne ich es von innen, pople die Gummidichtung in Rekordzeit raus und lege die Kordel unter den Gummi ein.

Perfekt, alles wieder voll dicht – Thomas total nass! Der Zahn wurde auch nicht weggeschwemmt.

Kochen ist die ersten drei Tage unmöglich. Vor der Abreise hatte ich noch einen etwas überdimensional geratenen Zopf gebacken und einen grossen Linseneintopf zubereitet, da diese ja nicht nach Neuseeland eingeführt werden dürfen. Eigentlich wären wir gerne am liegen. Doch Thomas entdeckt Wasser in der Bilge! Viel Wasser. Wo kommt das her? Da war noch nie Wasser!!! Es ist rabenschwarz!? Wie denn das? Es ist Diesel der den Bitumen, mit der die Bilge ausgegossen ist, auflöst. Die Brühe schwappt wild umher. Das Klopapier ist da unten gelagert. Der Stressfaktor steigt nun in den roten Bereich. Erst wird das Leck gesucht, dann der Diesel in Kanister gepumpt. Dafür muss auch noch ein Trinkwasserbehälter herhalten. Vor der Abreise hat Thomas ein neues Spielzeug montiert. Eine neue Tankanzeige die dann leckte. Bei der alten war voll leer und leer voll. War doch eigentlich gar kein Problem.

Schlafen ist auch unmöglich. Die Schiffsbewegungen sind hart. Die See kracht über die ganze Robusta. Wasser findet den Weg bis zum Kartentisch und überschwemmt die Computertastatur. Die Maus ist auch sofort tot. Immer wieder regnet es heftig. Der Gang auf’s Klo wird möglichst lange rausgeschoben. Mit Pimmel sieht das alles viel einfacher aus. Dank Robustas Deckshaus ist das Oelzeug noch nicht zum Einsatz gekommen. Nachts wird es jedoch merklich kühler und zum schlafen brauchen wir nun wiedermal eine Kuscheldecke.

Krisensitzung bei einer Dose Bier:

Meine Nerven liegen echt blank. Seekrank sind wir zum Glück wie immer beide nicht. Thomas hat das Segeln auch schon mehr genossen. Der Kurs kann nicht gehalten werden. Dreht der Wind einen Zacken mehr nach Süd, segeln wir an Neuseeland vorbei. Zwei Optionen stehen offen: Wenden und versuchen nach Fiji zurück zu gelangen ohne daran vorbei zu segeln, oder die gemütlichere Variante, nach Neukaledonien ablaufen.

Nach dem Bier sind wir beide wieder etwas lockerer; Beissen auf die Zähne und ziehen es durch, mit dem Risiko kurz vor Neuseeland noch auf ein Tief zu stossen.

Angela und Reto, die uns mit der Grosswetterlage beratend zur Seite stehen, melden, dass sich ein Tief nur sehr langsam auf Neuseeland zubewegt. Die Prognosen versprechen, der Wind werde in ein paar Tagen auf Nord drehen. Da könnten wir einen gemütlicheren Kurs einschlagen und etwas abfallen. Doch wir bleiben auf Kurs. Wie sich später herausstellt war diese Entscheidung super, denn der Winddreher blieb aus! 

Das ist doch eine Ansage die uns freut! Ab dem fünften Tag wird es etwas gemütlicher. Sind nun auch wieder auf der direkten Kurslinie. Der Wind und somit auch die See, haben sich etwas gelegt. Segeln aber noch immer möglichst hart am Wind. Die nächsten vier Tage läuft die Robusta wie von selbst. Müssen weder an den Segel noch an der Windsteueranlage etwas fummeln. Kochen ist auf diesem Kurs nach wie vor reinste Akrobatik, aber immerhin möglich. Eigentlich werden beide Hände zum festhalten gebraucht. Das Gemüse rollt vom Küchenbrett. Nur im gut verschlossenem Dampfkochtopf bleibt das Essen auf sicher drin.

Nach neun Tagen gleitet die Robusta mit 1150 Seemeilen mehr unter dem Kiel, genau bei Ebbe gemächlich in die Flussmündung vom Whangarei.  Beim Segel bergen, stellen wir fest, dass die Halterung des Kutterstg am Mast gebrochen ist.

Die Küstenwache konnte per VHF Funk nicht erreicht werden. Erst kurz vor dem Port of Entry meldet sich jemand. Das Neuseeland Englisch ist kaum zu verstehen! Auf welchen Kanal wechseln kapieren wir beide nicht. Auch nach dem zehnten mal noch nicht. Der Mann repetiert immer ganz genau gleich doof. Egal, wir haben uns wie vorgeschrieben angemeldet. Hoffen er hat sich den Schiffsnamen gemerkt und leitet den Zollbehörden weiter, dass wir einklarieren wollen. Es ist bereits Abend, denken die werden erst morgen kommen um die Robusta durchzuwühlen!

Erst mal kräftig in Ruhe ohne Seegang ausschlafen. 

Angela und Reto, grossen Dank für die aufheiternden Mails und die täglichen Wetterinfos! Freuen uns euch bald wieder zu sehen!