December 10

Abschied von der Robusta

Der Tag der Abreise rückt rasend schnell näher. Ich bin schon ganz nervös. Meine Gefühle waren die letzten Tage so unglaublich durchmischt. Mal überschlug es mich vor Vorfreude, dann brach ich beim Gedanken, für die nächsten sieben Monate ohne Thomas zu sein, wieder bitterlich in Tränen aus. Gespannt studieren wir mehrmals täglich den Wetterbericht. Der Wind ist endlich perfekt um von Great Barrier Island nach Auckland zu segeln. Glück gehabt, denn langsam wurde es eng und ich begann schon nach Alternativen zu suchen, wie ich auf den Flughafen komme. Die Marinas in Auckland sind extrem teuer und eh alle voll belegt. Also ankern wir die Robusta vor dem Fährterminal im Stanley Bay mit bester Aussicht auf die gesamte Skyline von Auckland. Vor dem Flug würde ich gerne noch ausgiebig duschen. Doch das wird uns in der Marina nicht erlaubt weil wir ja draussen vor Anker liegen. Also dackeln wir wieder ab und fragen einen Segler, der gerade von seiner in der Marina liegenden Yacht kommt. Er öffnet uns mit seinem Schlüssel die Dusche der Marina. Erst wollte Thomas mich zum Flughafen begleiten. Doch wir sind beide so dermassen traurig und finden es besser uns jetzt sofort, kurz und bündig zu verabschieden.  Noch eine letzte innige Umarmung und nun brause ich mit der Schnellfähre an der Robusta vorbei. Wehmütig winke ich auch ihr zu…

Ciao Thomi, ciao Robusta, auf Wiedersehen. Wo wir uns erneut treffen ist nicht klar.  Neuseeland wird es jedenfalls nicht sein….

So und nun stehe ich am Flughafen vor dem Self Check In. Gucke erst mal zu, wie die anderen Reisenden das bewerkstelligen. Die drücken aber schon bald den roten Hilfeknopf. Nun leuchten auch schon sämtliche roten Lampen am Self Check In. Keines dieser Geräte funktioniert. Auch eine Angestellte des Flughafens schafft es nicht sie zu bedienen. Also müssen alle Reisenden doch in die enorm lange Reihe anstehen. Dann Zollkontrolle. Die Handgepäckstücke werden aussen und innen mit einem Indikatorpapier nach Sprengstoffspuren untersucht. Die Drogen- und Sprengstoffbellos scheinen ausgemustert zu sein. Irgendwann sitze ich dann doch noch im Flugzeug. Nach einer Stunde weiss ich schon nicht mehr recht wie sitzen und empfinde die nächsten zwei mal 13 Stunden langen Flüge als die reinste Folter. Schon krass, unter Segeln um die halbe Welt, 27 Tausend Seemeilen, hat via Patagonien 3 1/2 Jahre gedauert. Zugegeben es ginge aber auch etwas scheller.

So und nun bin ich gelandet und fühle mich etwas fremd in der alten Heimat. Ich habe niemanden gesagt, wann ich ankomme und mit welcher Fluggeselschaft ich reise. Mich hat es ja fast aus den Schlappen gehauen. Meine zwei besten Freundinnen Iris und Mirjam und meine Eltern begrüssen mich am Flughafen mit Gipfeli und Rosen. Die beiden hockten seit sechs Uhr morgens am Flughafen um auf mich zu warten. Ist das nicht unglaublich lieb?

 

Die nächsten Tage verbringe ich damit, mich wieder ans Schweizer Landrattenleben zu gewöhnen. Mein Handy habe ich seit 4 1/2 Jahren nicht mehr gebraucht. Eine neue SIM Karte muss her. Hilfe, ich bin heillos überfordert aus all den Angeboten eine Auswahl zu treffen. Also wühle ich mich die erste Woche durch Berge von Prospekten und lebe erstmal ohne Telefon und Internet. Wohnen tue ich bei meinen Freunden Nora und Dieter mit ihren zwei Kindern Milla und Ari in Schaffhausen. Die Kinder haben für mich auf ihr Spielzimmer verzichtet und lassen mich in diesem hübschen Zimmer schlafen. Danke ihr Lieben. In einem Bett zu schlafen das einfach bock still am Boden steht und nicht sanft schaukelt, ist sehr gewöhnungsbedürftig. Die Zeitverschiebung von 12 Stunden macht mir auch zu schaffen. Die erste Woche liege ich nachts hellwach im Bett und denke an Thomas und am Tag bin ich schlapp und erschlagen und könnte im Stehen einschlafen. 

Eine Agenda muss auch sofort angeschafft werden für den Ueberblick für Besuchstermine mit Familie und Freunden. Da ich kein Auto habe, besorge ich mir ein Generalabonnement. So kann auch kein Konflikt mit den stets so grummeligen Kontrollören im öffentlichen Verkehr aufkommen. Der Aerger mit den Billetautomaten deren Tuch screen bei mir selten funktioniert bleibt künftig auch aus. Nun kann ich Zug, Bus, Schiff, Tram in der ganzen Schweiz unbegrenzt nutzen. Ich sause ins Tessin, dann wieder in die Berge, ins Engadin, kreuz und quer durch die Schweiz und geniesse wie noch nie die atemberaubend schöne verschneite Winterlandschaft. 

Die Schweizer kommen mir echt gut rein. Hätte ich sie doch vor der Zeit meiner grossen Reise nicht noch als unfreundliche Grummels bezeichnet? In den Geschäften werde ich freundlich und sehr kompetent bedient, im Zug habe ich nette Gespräche mit den Reisenden, nur in Zürich geht mir das hecktische Treiben sofort auf den Wecker. Im Tram wäre ich froh um einen Rückenpanzer. An die so stark geschminkten Frauen muss ich mich auch erst gewöhnen. Im nächsten Geschäft erstehe ich einen knall roten Lippenstift um mich wenigstens ein wenig an die örtlichen Gegebenheiten anzugleichen. 

So genug geschrieben, jetzt will ich endlich mal meine Freunde sehen.

Freue mich auf euch alle. Meine neue Telefonnummer lautet:

+41 77 942 40 43

Anja