February 6

Sicherheitswahn

 

Die Robusta steht noch immer auf dem Trockenen. Für diesen Aufenthalt in der Werft haben wir mehrere grössere Renovationsarbeiten angepackt.

-Das Unterwasser soll einen komplett neuen Farbaufbau bekommen

-In der Küche unter dem Spülbecken und in der Hundekoje, wo sich Kondenswasser gesammelt hat, nagt der Rost. In der Achterkajüte liegt auch immer etwas Salzwasser dessen Ursprung nicht nachvollziehbar ist. Auch dort ist Rost erkennbar. Der Stahl wurde an den kritischen Stellen angebohrt um die Dicke zu ermitteln.

Ein Stahlschiff rostet immer von innen!

-Das Deckshaus aus Stahl muss neu gestrichen werden

-Cockpitboden sieht auch gruselig aus

-Motor: kleinere Servicearbeiten

-Ankerkasten streichen, Rahmen und Deckel aus Holz renovieren

-An Deck Farbe ausbessern

Dann sind da auch noch diverse kleinere Arbeiten zu erledigen, die immer drei mal so viel Zeit in Anspruch nehmen wie geahnt. Hier eine grobe Auflistung dazu: Toiletten inklusive Schläuche zerlegen und reinigen (um diese Arbeit streiten wir uns immer). Bilgenpumpe: auseinander nehmen und reinigen. Luken und Bullaugen: neue Dichtungen einsetzten. Dinghi reparieren: Luft geht raus, Wasser kommt rein. Dinghi Motor: reparieren da er immer wieder mal bockt und stockt. Kutterstag: Halterung am Mast erneuern. Ankerkette und Anker: galvanisieren lassen (Rostschutz). Baumstütze aus Holz: streichen und Halterung erneuern. Deckshaus aus Lastwagenplane: alle Nähte nachnähen. Diese Arbeit durfte ich an Lu’s Industrie-nähmaschine durchführen.

Es scheint die Tu-was-Liste wird täglich grösser statt kleiner! Mittlerweile sind wir seit sechs Wochen in der Werft. Fluchen mindestens fünfzehn mal pro Tag, dass wir Neuseeland für die Wartungsarbeiten gewählt haben. Alles ist ums mehrfache teurer und komplizierter. Immerhin sind Ersatzteile leicht zu bekommen. Die ganzen Bestimmungen betreffend Umwelt sind ja voll o.k. Schön gibt es Länder die Wert auf Naturschutz legen. Für Schleifarbeiten dürfen nur Maschinen benutzt werden, die an einen Staubsauger angeschlossen werden können. Zusätzlich müssen Planen am Boden ausgelegt und Netze um die ganze Yacht gespannt werden. Nass schleifen geht gar nicht, da die bunte Sabbersauce direkt in den Boden versickert!

Das geht ja alles noch. Hast du aber eine Stahlkiste, wird alles noch zehn mal komplizierter. Die schönen weissen Yachten sollen verständlicherweise nicht’s vom Stahlschleifstaub abbekommen, welcher hässliche kleine braune Rostflecken auf den weissen Oberflächen verursacht. In der Norsand Werft sind darum, wie wir es nennen, die Stahlyachten im Stahlghetto untergebracht. Nur wir stehen neben den weissen Joghurtbechern! Aber dafür ist es wohl der schönste Platz der Werft. Direkt am Fluss mit schönster Aussicht! 

Im Moment wächst uns alles etwas über den Kopf. Ich habe das Gefühl alles nimmt kein Ende und wir werden es nicht mal schaffen vor dem Winter einzuwassern. Mit welcher Arbeit beginnen? Immer wieder versuchen wir zu planen. Doch da viele Arbeiten von uns das erste Mal ausgeführt werden, ist es nicht leicht abzuschätzen, wie viel Zeit alles in Anspruch nehmen wird. Genau zum richtigen Zeitpunkt lernen wir Miri kennen. Sie ist Metallbauerin,  kommt aus Deutschland und ist auf traditioneller Wanderschaft. Sie schneidet aus Robustas Bauch Stücke raus, als handle es sich um eine Tranche Speck. Mir bereitet es sichtlich mehr Mühe das störrische Material zu bearbeiten (ich kann mir jetzt gerade gut vorstellen was meine Freunde denken). Um eine vier Millimeter fette Platte einzupassen, brauche ich drei mal so lange wie der Profi Miri. Malen oder Holz bearbeiten gefällt mir schon wesentlich besser! Das macht alles nicht so einen Höllenlärm. Da trete ich sogar freiwillig für die Wartung der Toiletten an.

An Robustas Bauch mussten nun tatsächlich Roststellen ausgeschnitten werden, um neuen Stahl einzuschweissen. Da wären wir beim Thema Sicherheit angelangt. Wer sogenannte „Hotwork“ tun will, braucht in Neuseeland eine Bewilligung. Die Funken die beim Flexen und Schweissen entstehen, könnten ja ein Inferno in der Industriezone von Whangarei verursachen. Genau da beginnt der Gau. Die Absicht die Robusta abzufackeln steht nirgends auf unserer Tu-was-Liste! Der Hotwork Fackel umfasst zwei A4 Seiten mit Anforderungen die teilweise sinnvoll sind. Doch die meisten der Regelungen empfinde ich als absolute Schikane. In anderen Ländern mussten bereits Schweissarbeiten ausgeführt werden. Nicht mal im überreguliertem Europa war es derart kompliziert. Mit dem Feuerzeug habe ich versucht ein Stück Isolation in Brand zu setzen. Keine Chance! 

Es kommt noch dicker: Nur schon dieser Vorfall ist bezeichnend für die absolute Entmündigung erwachsener Personen in diesem wunderschönen Land. Mitlerweile bekomme ich einen dicken Hals, höre ich das Wort Sicherheit. Die Bilge soll mit Bitumen ausgegossen werden. Das ist billiger guter altbewährter Rostschutz. Im Yachtbedarf wird dieses Produkt für 250 Kiwi Dollar für 12 Liter verkauft. Das ist nicht nur Wucher sondern bereits kriminell! 

So wende ich mich direkt an die Strassenbaufirma gegenüber der Werft. Eine halbe Stunde später will ich die schwarze Brühe mit dem Leiterwagen abholen. 20 Liter kosten 10 Dollar. Am Eingang des Geländes werde ich von den vielen Sicherheitsschilder fast erschlagen. Der Anblick löst akuten Brechreiz aus. Gerade eben, am Telefon war noch alles klar. Jetzt will mir niemand den Bitumen geben! Meine Brasilianischen Sicherheitsschuhe, die Flip Flop, haben ihnen wohl nicht behagt.

Rob, ein Neuseeländischer Freund, will sich um die Angelegenheit kümmern. Er ist Verantwortlicher für die Piplineschweissarbeiten und schämt sich für die Absurden Sicherheitsbestimmungen. Auch Rob taucht vergebens bei der Firma auf. Doch eine Woche später meldet sich ein Mann bei bei ihm. Er könne so viel Bitumen wie er wolle abholen. Alles in Liter Dosen abgefüllt und erst noch kostenlos!

So verplämpern wir viel Zeit wegen der ganzen Regeln, die nicht nur uns das Leben schwer machen. Sind es nicht die Regeln die uns an der Arbeit hindern, ist es der Regen!

Zur Auflockerung geniessen wir die Abende mit Miri, Lu, Chris, Jordy, Christian und Rob, die schon nach kurzer Zeit gute Freunde geworden sind. Wir nennen uns die „Adams Family“! Kochen gemeinsam und manchmal findet sich auch noch Zeit und Lust für eine Jamsession. Lu spielt Gitarre und singt fantastisch. Kommen noch Miri mit der Ukulele und Christian mit seiner Gitarre im Amistyle und Rob am Bass mit dazu, bekomme ich vor Entzückung Hühnerhaut. Ich habe nach Jahren wieder begonnen Djembe zu spielen. Das macht irre Spass und lässt die doofen Regeln vergessen.

Doch machen wir auch immer wieder nette Erfahrungen. Wer mit dem Kiwi plaudert und verhandelt, bekommt auch immer Reduktionen. Sogar für eine Kiste Bier habe ich schon so manchen wertvollen Service bekommen! Frauenbonus trotz fortgeschrittenem Alter? Cool, da gefällt mir Neuseeland doch wieder ganz gut!

Ab und zu verlassen wir auch die Werft und werden irgendwo eingeladen oder machen einen Ausflug. Dazu aber mehr im nächsten Blog!