September 14

Wartungsarbeiten in Puerto Montt

So nun ist es erst mal  fertig mit faul auf der Yacht durch die wunderschöne Landschaft Patagoniens zu schippern. Berge gucken, in Caletas liegen, Regentropfen zählen und starke Winde abwettern gehören nun der Vergangenheit an. Jetzt wird gearbeitet! Die Robusta wurde im Yachtclub Reloncavi an Land gehievt. Der Termin hat wie versprochen geklappt. Das Kranen mögen wir gar nicht. Ist ja auch kein Wunder, denn in Salvador ist die Robusta runter gefallen. Mit grossem Glück direkt ins Wasser! Na ja, kann ja nicht sein, dass sowas zwei Mal in einem Leben geschieht. Die Anlage sieht recht modern aus. Beim genaueren Hinschauen entdecke ich, dass es sich beim Kran um das selbe Modell wie in Brasilien handelt. Irgendwie scheint der Rumpf der Robusta ein Problem darzustellen. Alle jammern wenn sie den fetten Langkieler aus dem Wasser heben sollen. Der Rumpf ist von hinten bis etwa zur Mitte gerade und dann zum Bug langsam gegen oben gekurvt. Das macht es schwierig den optimalen Punkt zu finden, damit sie nicht nach vorne kippt oder die Gurte weg rutscht. Wichtig ist eine Spring an die Gurte zu legen. Rückwärts zwischen die beiden Stege der Krananlage einparken war überhaupt nicht lustig. Der Ebbstrom hat bereits wieder eingesetzt. Nach etlichen Versuchen hat Thomi das Steuer übernommen und ich musste das Feld als Verliererin räumen. Typisch Frau am Steuer,  mussten die Werftarbeiter wohl gedacht haben. Das hat mich natürlich recht angepisst. Na ja, immerhin hat nun alles bestens geklappt. Unsere Eingeweide haben sich wieder entspannt und die Wartungsarbeiten können in Angriff genommen werden. Doch wie nicht anders zu erwarten, regnet es in Patagonien in Strömen. Auf der Werft sind bis jetzt nur  Aleko und Sepke am arbeiten und ein Paar aus Frankreich, das mit ihrer wunderschönen hundert Jahre altem Holzyacht bereits schon seit zwanzig Jahren die Weltmeere bereist. Sie werden mir in ewiger Erinnerung bleiben. Beide haben auf einem Frachtschiff gearbeitet und dort die Liebe zur See entwickelt. Er meint entschlossen, er werde in seiner Koje sterben! Ein bewegendes Thema, aber ein schönes Lebensziel wenn ich mir das so überlege! Diese Leute wissen was sie wollen. Sie wollen gesund bleiben und segeln!

Hier stellen wir fest, wie erholungsbedürftig unsere Körper von den Strapazen der vergangenen Monate sind. Über sieben Monate in der Kälte, dauernd der Anspannung ausgesetzt zu sein, wo ist der nächste gute Ankerplatz, hält der Anker? Immer unterwegs sein, sich immer wieder neu zurechtfinden und die vielen Eindrücke allgemein sind nicht ohne Erschlaffungserscheinungen an uns vorbeigegangen. Darum empfinde ich das  Leben auf der Werft mal als eine spannende Abwechslung. An einem Ort zu bleiben, bringt mal etwas Ruhe in den Alltag.

Auf einer Werft treffen die verschiedensten Abenteurer aufeinander. Nach und nach trudeln sie ein. Alte Bekannte, wie die Crew der Kalibu wieder zu sehen freut uns besonders.  Unsere Flottille  trennt sich nun leider. Aleko will nochmals dringend das Caletaerlebnis mit möglichst viel Regen, Starkwind und Kälte durchleben.  So wird er schon bald nochmals in den Süden segeln. Stepke hasst Kälte und Regen und will so schnell wie möglich den nächsten Palmenstrand ansteuern. Kalibu sind sich noch nicht einig wohin ihre Reise weiter gehen soll. Meine Freundin wird uns im November in Chile besuchen kommen. Mit ihr wollen wir nochmals die Kanäle besegeln, bevor die Winde uns in die Südsee tragen.

Aber eben, erstmal liegen noch Wartungsarbeiten an. Mehrere Regentage zwingen uns  erst mal innen Klarschiff zu machen. Entrümpeln, Wäsche waschen, Ordnung schaffen, Bücher aussortieren, Winterkleider wegpacken. Dabei entdeckt Thomi eine nasse Gammelecke! Die Hundekoje! Während der ganzen Reise durch Patagonien war diese mit allerlei Material vollgestopft. Darum blieb diese feuchte Ecke unentdeckt. Es tropft von der Decke! Die Seekarten sind aufgeweicht! Die Matratze nass und  grau gefleckt. Auch wir sind nicht verschont geblieben! So ein Mist. Alles Material wird mal aus dem Schiff in den Regen geschmissen. Holzwände ausgebaut um die Ursache des Wassereinbruch zu erkunden. Macht dann besonders Spass gammeliges Tropfwasser zu testen um zu erkunden, ob es sich um Salz- oder Süsswasser handelt. Die Analyse ergibt glücklicherweise, dass es sich um Süsswasser handelt. Die Hundekoje ist nur an einer Wand nicht isoliert! Schon nahm das Drama im kalten Süden seinen Lauf. Es muss demzufolge Kondenswasser sein.  Das ganze Material, was noch zu retten ist, wird mit Essig und Chlor abgewaschen. Ersatzteile, Kilometer Kabel  und lauter Krimskrams. In die Schrauben- und Nagel- und Werkzeugkisten  ist der Gammel glücklicherweise nicht vorgedrungen. So nun blüht uns wohl die Hundekoje auch noch wie Aleko und Stepke  mit Prinzessinnen Puzzleteilen zu isolieren. Diese Dinger eignen sich  wirklich perfekt und sind erst noch billig. Jogamatten gibt es in Chile auch super günstig und sind auch perfekt zum isolieren! Alles beim Sodimac erhältlich.

Das ist wohl die Strafe, wenn über andere gelacht wird.

Nach der Regenperiode steht positiv ausgedrückt “Stahlpflege” an. Die Grundierung ist schon aufgetragen. Doch schwarze und rote Farbe scheint es in Chile nicht zu geben! Mit Versand auch nicht möglich zu bestellen. Die Schwimmwesten sind beim letzten Ausflug mit Freunden auch alle explodiert, weil sie auf dem Dinghiboden liegend etwas Wasser abbekommen haben. Die Gaspatronen sind bis jetzt nirgends erhältlich und dürfen auch nicht in ein Flugzeug. Bravo. Und jetzt? Über Bord fallen verboten? Ach und die Mäuse vom Estero Paillard haben die Rettungsleine zerstört! Es hängen nur noch kleine maximal dreissig Zentimeter lange Fetzen auf der Rolle. So gibt es wiedermal mehr zu tun als erwartet….

Muss die Robusta nun schwarz – weiss gefleckt im Schweizer Kuhlook in die Südsee???

Fotos gibts leider auch keine, da die Kamera ins Wasser gefallen ist.

Category: Chile | No Comments »
September 10

Flucht aus der Stadt

IMG_0083-1280x960

Eigentlich wollten wir nur den Estero Reloncavi nahe von Puerto Montt erkunden. Dies sei nur bei schönem Wetter möglich. In dem zwischen hohen Bergen eingebettete Tal, entwickeln sich bei Nordwindlangen extreme Fallwinde, warnen uns die lokalen Skipper. Doch der Nordwind zerrt schon wieder kräftig an der chilenischen Gastlandflagge, so dass das ganze Rigg ins Singen kommt. Darum liegt mal kurz eine spontane Planänderung an. So rauscht die Robusta schon wenige Stunden später auf Südkurs mit über sieben Knoten durch den Paso Quellin in den Golfo de Ancud. An die Zarpe der Armada denken wir erst wieder Tage später….

Die Einfahrt von Puerto Bonito, zwischen hohen wolkenbehangenen Felswänden, ist kaum auszumachen. Ist die Seekarte wieder mal verschoben? Erst in letzter Sekunde mache ich die Lücke mit dem kleinen Strand und den verlotterten Hütten aus. Robusta liegt nun vor Anker. Puerto Bonito erscheint auf den zweiten Blick eher einer Geisterstadt aus dem wilden Westen. Zwei abgemagerte Kühe suchen zwischen Plastikmüll nach Grashalmen. Von einer verrotteten Veranda gackern ein paar Hühner, zwei Katzen und ein Hund mit Welpen nagen an einem halb verwesten Pelikan. Die meisten der eher provisorisch gebastelten Behausungen scheinen nicht bewohnt zu sein. Aus keinem der Kamine steigt Rauch empor. Auch in den Hütten mit einigermassen ordentlichen Scheiben aus Plastikfolie scheint niemand zu sein. Eigentlich ein traumhafter Ort, läge da nicht all der Müll. Bis der Sturm abgezogen ist, liegen wir hier sicher.

An meinem Geburtstag, ach wie kann es nur möglich sein, sie folgen immer schneller aufeinander, verbrachten wir bei den heissen Quellen im Estero Cahuelmo. Sie sind  nur mit dem Dinghi und bei hohem Wasserstand erreichbar (ca. drei Stunden vor und nach Hochwasser). Der Tidenhub beträgt beachtliche sechs Meter!  Wir hocken sechs Stunden in den heissen Badewannen! Die Birne ist danach entsprechend weich gekocht! Nach den letzten neun kalten Monaten ist das eine echt absolut hammer geniale Sache!!!! Robusta ist derweil zwei Seemeilen entfernt an einem Felsen festgezurrt. Dort an der Nordseite des Estero, in einer Felseinbuchtung, haben Fischer eine lange Leine gespannt.

Weitere heisse Quellen soll es etwas nördlich in Los Banos geben. War aber eine echte Enttäuschung nach dem tollen Erlebnis in Cahuelmo. Eine kleine Hotelanlage mit Betonpool und im Haus befinden sich komune Plasikbadewannen die mit dem heissen Thermalwasser gefüllt werden. Kosten tut der Spass um die 15 Euro. Wir sind dann gleich nach Hornopiren weiter gesegelt. Ein Ort der unter dem mächtigen gleichnamigen Vulkan liegt. Der Ankergrund ist echt mies. Sind auch grad mal im Sand festgesteckt. Die Wassertiefe im Flussdelta sinkt von 30 Meter rapide auf sozusagen null an. So fragen wir einen kleinen Frachter, ob wir an ihm fest machen können. Mitten in der Nacht, nachdem die Crew ausgetauscht ist, legen sie wieder ab. Doch dürfen wir an ihrer Boje liegen bleiben.

Durch dicke Fensterscheiben gucken sie mit ängstlichen Augen nervös ins Ungewisse. Wie ihre Zukunft aussieht, ist für alle klar.  Wie kann es anders sein, die kleinen ängstlichen Wesen sind weitab ihrer natürlichen Umgebung geboren. Nämlich in einer Lachsmästerei mitten im Dorf, direkt am Fluss. Dort verbringen sie die ersten Lebenswochen mit 24 Stunden künstlichem Licht.  Sie müssen üppige proteinreiche Nahrung in Pulverform zu sich nehmen und werden prophylaktisch mit Antibiotika vollgestopft. Die um einen Kubikmeter grossen rechteckigen Behälter werden von einem Lastwagen in eine Fähre geladen. Im Alter in dem sie fähig werden sich an Salzwasser zu adaptieren, geht die sonst so abenteuerliche Reise, von erst kleinen Bergbächen mit heftigen Stromschnellen über Wasserfälle durch immer grössere Ströme bis zum grossen Ozean, nun aber direkt mit einem Frachter in eine im Salzwasser gelegene Salmonera. Hier vegetieren sie nun in einem eingegitterten Becken, mit wenig Bewegungsraum, eingepfercht mit tausenden Leidensgenossen. Die US-amerikanische Food and Drug Administration hat am 19. November 2015  die Zucht von genmanipulierten Lachsen, die doppelt so schnell schlachtreif sind, erstmals ein genverändertes Tier als Lebensmittel zugelassen. Der Übeltäter der den Antrag gestellt hat, ist die Firma AquaAdvantage. Sie betreiben Zuchtstationen in Kanada und Panama. Guten Appetit! Ein Kreuzfahrtschiff entlässt aus seinem Rumpf  Touristen auf Shopping- und Fotoschiesstour. Groteskerweise sind die Möven für sie die grösste Attraktion, die das überschüssige Futter der Mästerei aus dem Fluss picken.

Darauf müssen wir erst mal einen trinken!

Am Freitag Abend muss doch auch in einem Kaff wie Hornopiren der Bär los sein. So finden wir auch gleich einen Schuppen in dem Billard gespielt wird. Cool. Doch die Regeln sind ganz anders als wir sie kennen. Egal. Fünf Billardtische, eine Bar, im Zentrum des Lokals ein Holzofen der aus allen Ritzen qualmt, da der Capo altes bemaltes Schrottholz darin verbrennt. Mit den anderen Spielenden kommen wir schnell in Kontakt. Auch sie wollen den angebrochenen Abend noch bei Tanz geniessen. Die jungen Männer leben nicht hier. Sie sind alle von Chiloe. Arbeiten für jeweils zwei Wochen in einer der Lachsmästereien und verbringen jeweils zwei Wochen Freizeit in ihrer Heimat. Der lustige Tanzabend endet fast in einem Drama. Die Jungs, die auf einem Arbeitsboot der Firma schlafen das an einer Boje hängt, behaupten noch am früheren Abend, dass sie einfach anrufen können und jemand holt sie dann an Land ab. Doch morgens um halb sechs scheint dieser tolle Service nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Ein Kollege meint eine Abkürzung zu kennen. Wir folgen ihm nicht. Die anderen bringen wir mit unserem Dinghi heil aufs Arbeitsschiff. Per Mail kommt nachmittags um drei die Nachricht, dass Henri jetzt auch wieder aufgetaucht sei. Er musste sich ein kleines Ruderboot “ausleihen” um auf’s Arbeitschiff zu gelangen. Doch die Strömung war so stark, dass es ihn abgetrieben hatte und er erst nach drei Stunden von einem Fischkutter, nass und durchgefroren, gerettet wurde!

Das Wetter ist nun super schön. So kann Henri sich wieder aufwärmen. Wärme tanken und ohne Regen im Flussdelta rumstreifen, wird ausgiebig genossen. Der Frühling macht sich langsam bemerkbar, doch die Freude währt nicht lange. Schon meldet sich eine neue Front aus Nord und eine geschützte Bucht muss gefunden werden!

Max* stimmt es auch traurig wenn Fischer in seinem Laden einkaufen und am nächsten Tag muss er die leeren Bierdosen und Weinkartons an seinem Strand einsammeln. Auf der kleinen Insel existiert keine Müllabfuhr. Alles was einigermassen brennt wandert in den Ofen. Den restlichen Müll nehmen sie ab und zu mit dem Transportschiff nach Hornopiren um ihn dort zu entsorgen. Max lebt mit seiner Frau und ihren beiden kleinen Mädchen auf der Insel. Drei Familien wohnen hier. Den Laden und das Haus hat er von seiner Familie übernommen. Er ist in Santiago aufgewachsen. Erst habe er sich furchtbar nach der Grossstadt gesehnt. Als Jugendlicher in der Abgeschiedenheit leben fand er gar nicht toll. Milna* ist auf der kleinen Nachbarinsel aufgewachsen. Heute würden die beiden niemals von hier weg wollen. Sie geniessen sichtlich das sehr einfache Leben. Strom gibt es erst ab 20 Uhr. Gekocht und geheizt wird mit dem Holzherd. Wasser ist ein Streitpunkt zwischen den drei Familien. Am höchsten Punkt der Insel steht ein grosses Sammelbecken. Doch dies reicht nicht für alle. Oft müssen sie sich Süsswasser auf anderen Inseln besorgen. Das in einer Gegend mit so viel Niederschlägen ist für uns schon etwas befremdend.  Die beiden Mädchen gehen nicht in den Kindergarten wie andere Kinder. Sie lernen mit ihren Eltern bereits Zahlen und Buchstaben mit bunten Heften. Lina* zeigt ganz stolz was sie schon alles gelernt hat, regt sich dabei auf, wenn die kleinere Schwester mal eine Seite in ihrem Lernheft mit Farbstiften verschmiert hat. (*Name geändert)

Wir sitzen in ihrer Stube, weil wir bei ihnen Eier kaufen und den Wetterbericht einholen wollten. Sie haben eine VHF Anlage (Short Range Funk) in ihrem Haus. Wir waren seit Tagen nicht mehr fähig, mit der Armada in Kontakt zu treten. Ohjeminee. Das gibt bestimmt wieder Mecke! Dabei sind wir ja schon wieder fast zwei Wochen von Puerto Montt weg. Das war überhaupt irritierend als wir von dort los sind. Ich habe die Armada für die Zarpe angefunkt, so sagt doch der Typ am anderen Ende der Leitung: Authorisation o.k! Fertig aus und amen ohne irgendwelchen Papierkrieg!? Unglaublich. Ob da ein Missverständnis vorliegt? Das wollte ich gar nicht erst in Erfahrung bringen. Da ist schon noch so nebenbei zu erwähnen, dass ich nur gesagt habe, wir fahren für eine Woche in den Estero Reloncavi. Nun bis wir hier gelandet sind, hat die Robusta bereits schon wieder nahezu 100 Meilen unter dem Kiel.

In wenigen Tagen steht der Krantermin in Puerto Montt an. Mal schauen ob es klappt.

 

 

 

Category: Chile | No Comments »