June 26

Die Schere

Cool, endlich wieder unterwegs zu sein! Robusta ist nach Sturz vom Kran wieder einigermassen zusammengeflickt. Einige Kleinigkeiten müssen wir noch selber nachbessern. Die Geduld um dies von der Bahia Marina einzufordern, bis alles wieder tip top in Ordnung ist, wäre absolut sinnlos und wohl in zehn Jahren noch nicht zu erreichen gewesen. Ein Kampf gegen Windmühlen hat sich noch selten gelohnt. Einfach los und weg von hier. Den Bugspriet justieren wir später. An einem netteren Ort als Salvador. Zum Segeln passt es jetzt mal. Ein Schäkel mehr zwischen Furlex und Bugspriet, alle Stagen gespannt und ab die Post! Kleine Panne beim Grosssegel setzen. Ist am Grossbaum ausgefädelt. Sonst mit netten fünfzehn Knoten gegen den Wind kreuzen, was auch bedeutet gegen Strömung und Wellen zu stampfen. Daniel, ein absolut sportlicher Typ, Windsurflehrer und Gleitschirmflieger, kämpft gegen das Ungeheuer Seekrankheit. Mist. Hätten wir niemals gedacht, dass es ausgerechnet ihn trifft. Es kann offensichtlich alle treffen. Auch die grössten Seebären. Niemand kann etwas dafür. Es ist wie es ist. Sich in die Koje legen und dabei die Augen schliessen hilf. Ich fordere die Patienten auf sich hinzulegen und sich dabei zu entspannen. Nur schon um mal rein psychologisch die Erfahrung zu machen, dass sie der Situation nicht total ausgeliefert sind, wirkt beruhigend. Seekrankheit kann einem schon zum Wahnsinn treiben. So die Erzählung einer Freundin von einem Karibiktörn: Ein Crewmitglied ist fast durchgedreht, weil er die Seekrankheit nicht mehr aushielt. Wollte nur noch über Bord springen um dem ganzen Elend ein Ende zu bereiten. Mit kleiner Crew kann so eine Situation dann schon krass werden. Wenn es schon drei kräftige Kerle braucht, um das Vorhaben über Bord zu springen zu verhindern. Die Lösung in diesem betreffenden Fall war, den Herren in Fahrtrichtung blickend, an den Mast zu fesseln, bis er hoch und heilig versprach, keinen Terror mehr zu machen. Oje wie brutal! Übrigens, sowas haben wir noch nie getan.

Wir wollen möglichst weit nach Süden kommen. Doch früher als vorhergesagt, setzt die Flaute ein. Wir dümpeln einen ganzen Tag rum, baden und Daniel, jetzt wieder fit und offensichtlich hungrig, aktiviert hoch motiviert die Angelrute. Irgendwann nervt das Geschaukel. Wir entscheiden nach einem hin und her Gezanke den Motor doch anzuschmeissen. Batterien müssen eh geladen werden. Ohne Sonne und  Wind liefern die Salarpanelen und der Windgenerator kein Strom.

Doch da regt sich aber nichts! Nicht mal ein Zizizizi… Einfach gar nichts. Mein Magen zieht sich zusammen. Nein, nicht schon wieder was futsch! Ich krieg erst mal eine mittelmässige Krise. Thomi und Daniel starren in den Motorraum und blättern im Motorhandbuch. Die Kiste muss kurzgeschlossen werden. Mit einem Schraubenzieher sagt das Handbuch. Doch das geht so nicht. Da ist eine Stange im Weg um die beiden Stutzen  zu überbrücken. Was nun? Bis nach Rio de Janeiro liegen die meisten Orte an einem Flusslauf mit unmarkierten Sandbänken und Riffs. Nicht auszudenken so eine Einfahrt ohne Motor zu bewältigen. Weit und breit kein Schiff das angefunkt werden könnte.

In der Küche finden wir das optimale Werkzeug um den Motor kurzzuschliessen:

Eine Schere!

Die GRIB Files künden auf‘s Wochenende über 25 Knoten Südwind an. Genau von da wo wir hin wollen. Im Reiseführer forschen wir nach Orten um abzuwettern. Porto Seguro erreichen wir wohl kaum mehr. Mit Entsetzen stellen wir fest, dass wir vergessen haben die Gezeiten im Internet rauszusuchen. Auf hoher See gibt’s kein Google der helfen könnte. Wie doof! Ilheus ist der einzige Ort, der unabhängig vom Wasserstand angelaufen werden kann. Dort sind wir vor ungefähr 24 Stunden daran vorbeigesegelt.

Also drehen wir um und steuern Ilheus an.

Daniel will die Angelrute versorgen. Doch die Kurbel geht so streng. Alles verhockt oder was ist da los?

Nein ein Thunfisch hängt dran!

June 21

Robusta wieder startklar

Santa Juhu liegt rekonvaleszent, mit fett entzündeter Narbe an der Schwanzflosse, liebevoll eingebettet in der Achterkabiene. Ein trauriger Anblick! Die normalerweise das Schiff beschützende Galionsfigur ist beim Sturz der Robusta vom Kran demoliert und grauslig wieder geflickt worden. Was hat sowas nur zu bedeuten? Was wollen uns die Götter der Seefahrt damit andeuten? Muss die Reise in die abgelegenste Gegend der Welt, Patagonien, neu überdenkt werden? Aberglaube, der die Menschen beschützt oder sie in ihrer Abenteuerlust einengt?

Er freut sich – ich mich nicht so recht. Von Lençois und den lieben Menschen dort, mitten im Nationalpark gelegen, mit atemberaubender Natur, verabschiede ich mich nur ungern. Besonders Christiane ist mir ans Herz gewachsen. Brasilien von einer komplett anderen Seite kennen zu lernen hat mir gut getan. Hat Wunden geheilt. Die Armut und das ganze Elend der Großstadt, das Unrecht zwischen dem enormen Gefälle von Arm und Reich. Die Oberschicht besitzt im Schnitt 29 mal mehr als die Mittelschicht. Ein weltweiter trauriger Rekord. Der Reiche ist weiß, der schwarze Reiche ist auch weiß. Eine wirklich treffende Aussage aus dem Buch “Kulturschock Brasilien” vom Reise-Know-How Verlag.

Daniel ist unglaublich nervös. Hastet unruhig hin und her, stellt noch einen Gegenstand neben seinen seit Tagen, nein schon seit Wochen bereitgelegten Gepäckberg. Gemeinsam reise ich mit ihm im Nachtbus von Lençois nach Salvador. Der Bus ist nur mit wenigen Leuten besetzt. Die Sitzplätze müssen jeweils vorreserviert werden. Die Busse sind wirklich unglaublich bequem. Jedenfalls viel bequemer als der Pöbel im Flugzeug hockt. Der Bugspriet ist nicht wie versprochen schon vorvorgestern gekommen. Robusta schwimmt immerhin schon wieder im Wasser als ich mit Daniel in der Bahia Marina ankomme. Das ganze Personal der Marina, inklusive Chef, waren beim Einwassern mit dabei. Diesmal hat‘s einwandfrei ohne Absturz geklappt.

Die Arbeiten wurden auf Garantie ausgeführt. Mit dem Unterschied, dass diesmal Thomi die Regie über die Ausführung hielt und der Mechaniker als Hilfsarbeiter fingierte!

Hier dazu Thomi: Ja die Reparatur der Antriebswelle; wir haben die Lager „Made in Brasil“ wieder ausgebaut. War nicht so leicht die Broncelager wieder aus dem Schaft hinauszubefördern. Und tatsächlich, alles war wieder zerraspelt und verbrannt. Die Welle brachten wir zu einem lokalen Dreher. Gleich auf die Drehbank geschnallt und siehe da: Die Welle war also tatsächlich krumm, nur ein wenig, von Auge nicht sichtbar. Zum Richten suchten wir dann einen anderen Dreher auf. Welch ein Unterschied! Nun der Einbau: Neues Lager rein, davor noch zwei Fixierschrauben an den Schaft geschweißt damit das Lager einen festen Halt haben wird. Die neue Stopfbuchse montiert, und schließlich die Welle wieder reingestopft. Die Bullflex Kupplung bekam einen neuen Vibrationsdämpfer und den Zentrierring. Alles toll und neu. Das Beste ist, dass die Stopfbuchse einen Schlauchanschluss aufweist. Dieser wird gerade genutzt zur Entlüftung damit in Zukunft gewährleistet ist, dass immer Wasser im Schaft sein wird. Ich denke wir haben nun das Bestmögliche getan um der Robusta einen adäquaten Schaft zu spendieren. Besser kann es nicht gemacht werden. Was bis jetzt nicht klar war, wann wurde denn die Welle krumm? Ich habe den Verdacht, sie war schon immer krumm, dies seit Schottland, wo wir diese neu eingebaut hatten. Ich vermute sogar, dass die neue Welle so geliefert wurde. Denn ein Symptom – der eiernde Motor während dem Segeln (langsam mit drehender Propeller) fiel mir schon damals auf. Da das Standgas zu hoch eingestellt war und der Gang drin war, richtete sich die Welle durch die Zentrifugalkraft von selbst aus. Jedoch mit tieferem Standgas hüpfte der Motor gefährlich im Raum herum.

Reisebereit aber wo bleibt der Bugspriet???

Die Wetterlage ist nicht gerade optimal um in den Süden zu stechen. Wind von Süd-Süd-Ost, wie es zu dieser Jahreszeit so üblich ist. Kreuzend gegen die Wellen fahren – das wird anstrengend. Doch nach drei Monaten wollen wir endlich weg von Salvador! Die Einkäufe für die nächsten zehn Tage hat Daniel mit dem Taxi angeschleppt. Beim Einräumen vom Proviant, entdecke ich zu meinem Entsetzten, im Schrank in einem Reispaket irgendwelche Viecher rumkriechen! Um die präventiv ausgelegten Kakerlaken Fallen liegen diverse mini kleine Kadaver reglos, mit ausgestreckten Beinen und raushängender Zunge auf dem Rücken. Daniel, voll nervös vor Vorfreude auf die Reise zur Ilha Grande und Robusta eigentlich bereit zur Weiterreise. Doch wo bleibt der Bugspriet? Im Land der Edelhölzer sollte es doch nicht problematisch sein so einen 2.20 Meter langen Prügel aufzutreiben.

Da kurvt auch schon die Karre vom Bootsbauer an. Der Bugspriet ragt prominent aus dem Kofferraum. Daniel erkennt das Material sofort mit einem Blick vom Schiff: geschütztes Tropenholz! Mein Gott. So eine Blamage. Was nun?? Sie hätten es von einem alten Schoner genommen. So lautet die widersprüchliche Antwort der Lieferanten. Krass. Wie peinlich.

Die Arbeitsmoral der Arbeiter lässt zu wünschen übrig. Die miese Entlöhnung erfolgt pro Arbeitstag. Eine Reparatur muss selber genau durchdacht und geplant sein. Hier in Brasilien geht das nicht, Schiff abgeben und dann wieder geflickt abholen! Die Stimmung in der Bahia Marina erlebe ich als trostlos. Ich bekomme mit, wie die Arbeiter von den ganzen Bonzen mit ihren fetten Motorbooten, von oben herab behandelt werden. 50 % der Brasilianer haben keinen Schulabschluss. Nur wenige schaffen die Aufnahme an eine Hochschule die sozusagen immer aus eigener Tasche finanziert werden muss. Der Staat investiert wenig bis gar nichts in die Bildung. Arbeiten neben Studium ist hart.Wer arm ist – hat auch kein Recht auf Bildung! Einmal in der Favela gelandet, kriegt kaum eine Chance dort jemals wieder raus zu kommen.

Obwohl vieles mit der Reparatur zu Beginn schief ging, war die Zusammenarbeit mit dem Mechaniker Carliños angenehm. Er ist ein liebenswürdiger Mensch und spricht auch ein wenig englisch! Thomi durfte sogar während den Reparaturen in seiner hübschen Segelyacht übernachten. Dem Chef der Marina ist der ganze Vorfall oberpeinlich. Wir müssen selbstverständlich keinen Real bezahlen. Können kostenlos so lange hier bleiben wie wir wollen, so viel Kranfahren bis es uns schwindlig wird. Lieber nicht! Morgen früh geht’s los Richtung Süden.

June 11

Ein Fluch?

Ungläubig starre ich Daniel an. Ich kann es nicht fassen. Das ist jetzt aber gerade ein absolut geschmackloser Witz? Oder was? Der Tag war so super in der Chapada Diamantina! Endlich sollte ich nach meiner Rückkehr aus  den Ferien von den Ferien  auch noch was tolles in Brasilien erleben. Meine ersten Eindrücke von diesem Land waren keineswegs positiv. Nach sechs Wochen Großstadt Salvador, hatte ich die Nase gestrichen voll. Der Kulturschock hat mich voll erwischt! Dies obwohl ich bereits früher schon monatelang, alleine mit meinem kleinen Sohn, durch mehrere Länder Zentralamerikas gereist bin, mit nur einem kleinen Rucksack und zwei Hängematten unterm Arm. Der Überfall am Strand, all die Probleme mit den Mechanikern und die nervenaufreibende Ersatzteilbeschaffung und sonstige Dinge für die Weiterreise, veranlassten mich in die Schweiz zu reisen um die Ersatzteile dort zu besorgen. Bin mit nur 25 Stunden Verspätung gelandet; die Flugpiste hatte ein riesiges Loch das erst repariert werden musste.

Die Zeit mit meiner Familie, Sohn Sascha und mit all meinen Freunden habe ich mega ausgiebig genossen. Schade,  war echt zu kurz um die ganze Meute zu sehen. Tut mir leid, ich werde euch schreiben. Besonders die verregneten Tage im Wald am Rhein, mit euch langjährigen Freunden zu verbringen, auf dem Feuer unter freiem Himmel kochend und halt einfach lustig ausgelassen sein, waren super mega toll! Danke noch für die Gastfreundschaft! Ich wollte ja nur euch allen hoi sagen, vier Cervelats verspeisen (typische Schweizer Wurst, die auf dem Feuer gebraten besonders lecker schmeckt)  und einen Rucksack voll Schweizer Käse essen den ich unterwegs so vermisse. Daraus wurden vier ausgelassene tolle Tage!

Nun stehe ich an der Bar in der netten Pousada Serrano in Lençois im Nationalpark in Brasilien. Das Internet will nicht so recht. Es ist langsam. Ich will die Nachricht von Thomi lesen. Doch das kleine Rädchen am Display kurbelt fröhlich. Nix passiert. Ich warte ungeduldig bis das e-Mail geladen wird. Quatsche derweil mit den Leuten, mit denen ich den ganzen Tag auf Tour war. Wunderschöne Landschaft haben wir durchstreift. Eine gigantisch grosse Höhle mit Taschenlampe erforscht und die absolut atemberaubende Aussicht aus 1200 Meter Höhe genossen. Ich bin nur so halbwegs bei der Unterhaltung dabei. Konzentriere mich auf das bunte Rädchen das anzeigt, dass das Mail geladen wird. Dabei kullern mir die Tränen über meine Wangen. Auch ein Positionswechsel macht das Internet nicht schneller. Ich bestellte vorsorglich mal einen Caipi an der Bar. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreicht mich folgende Nachricht von Thomi:
Hoffe du hattest schönen Tag! Beim mit dem Kran  die Robusta aus dem Wasser zu hieven, rutschte der vordere Gurt nach vorne weg. Er verfing sich am Anker, doch Santa Juhu (Galionsfigur! Das allerheiligste Geschenk!!!) und der Bugspriet brachen ab! Unglaublich, zum Glück fiel die Robusta nicht nach vorne ins Wasser. Marina zahlt alles, gibt neuen Bugspriet, die Santa Juhu muss ich noch schauen wie regulieren. Sie können es flicken (die Seiten der Flosse sind abgebrochen) aber habe gesagt, sei ein Kunstwerk. Morgen gibt’s Plan wie alles repariert wird. Haben wir hier einen Fluch? Dafür kommt die Reparatur am Schaft gut voran. Beide Lager verbannt, offensichtlich falsche Montage… Die Ersatzteile sind top! Weiteres morgen… Hab dich lieb und tut mir leid wegen gestern, war traurig dich schon wieder gehen zu sehen. Geniess die Zeit bei Daniel! Habe nicht zu viel versprochen?
Übrigens, das letzte Ersatzteil ist ein Tag vor Abflug eingetroffen, meine Nerven lagen echt blank.
June 5

Nach der Reparatur ist vor der Reparatur

Seit Mittwoch warte ich auf dem Boot in der Pier Salvador Marina auf Anja und die Ersatzteile, die alle kommen am Sonntag. Und noch einiges mehr wie Elektronik und weitere tolle Sachen, die es hier nicht so einfach zu kaufen gibt. Und wenn, dann schlagen sie mit einem Importzoll von 60% zu. Nächsten Dienstag kommt das Boot wieder aus dem Wasser und die Welle wird hoffentlich definitiv geheilt.

Folgende Arbeiten stehen an:

  • Demontage der Welle, der doofen Lager und der Vetus Bullflex
  • Prüfen der Welle ob gerade
  • Einbau des Reparaturkits der Bullflex, Einbau des einen Lagers (auf das zweite verzichte ich ja)
  • Einbau der neuen Wellendichtung mit Entlüftungsanschluss

Ich hoffe, das kommt alles gut, drückt mir die Daumen. Anja darf während der Arbeiten nach Chapada, Diamanta ausspannen und trecken. Und das ist doch auch ganz cool, so darf sie diese Gegend ebenfalls entdecken.

June 1

Höhlentour

An diesem Tag besuchten wir drei Höhlen. Die erste – Gruta da Lapa Doce – war wahrlich imposant, sie ist etwa 50-70 Meter breit und insgesamt etwa 40 KM lang. Davon konnten wir 850 Meter besuchen. Der Eingang befand sich in einer Schlucht, Abstieg in die Schlucht und dann rein in die Höhle. Jeder bekam eine Taschenlampe. In der Höhle kamen salzhaltige Wassertropfen von der Decke, die allmählich eindrückliche Skulpturen formten.

Die zweite Höhle – Gruta da Pratinha – war mit Wasser gefüllt, man durfte schnorcheln, jedoch gegen Aufpreis. Darum habe ich mich mit einem Bad im wunderbar klaren Wasser begnügt. Die dritte Höhle war leider nicht mehr von der Sonne beschienen, sonst wäre das Wasser darin tiefblau. Auch sonst sehr schön.

Am Schluss der Tour konnten wir noch den Berg Pai Inàcia hochlaufen, um den wunderschönen Sonnenuntergang zu bestaunen. Alles in allem eine gelungene Tour!